2019-03-14 18:05

Wars das schon mit dem Weltkonzern Wabco?

Die neu in Bern angesiedelte Wabco-Gruppe führt Übernahmegespräche mit dem drittgrössten Autozulieferer der Welt. Das wirft Fragen zu den Zukunftsplänen am Standort Bern auf.

Der 14. Stock des SRG-Hochhauses ist der neue Wabco-Sitz. Foto: Enrique Muñoz García

Der 14. Stock des SRG-Hochhauses ist der neue Wabco-Sitz. Foto: Enrique Muñoz García

Es war ein Prestigeerfolg, ein Coup wider die Erwartungen: Der weltweit tätige Autozulieferer Wabco – 3,8 Milliarden Umsatz, 16000 Mitarbeiter – kündigte Mitte Februar an, seinen Hauptsitz nach Bern zu verlegen. 40 Mitarbeiter ziehen in diesen Wochen ins SRG-Hochhaus an der Giacomettistrasse ein, darunter die Topkader des Konzerns. Geplant ist auch, dass in Bern mittel- bis langfristig ein Technologiezentrum entsteht, wo dereinst 100 bis 200 Menschen Arbeit finden werden.

Eingefädelt hat den Deal die kantonale Wirtschaftsförderung. Nachdem man sich von Kritikern lange hatte anhören müssen, wie schlecht es um den Wirtschaftsstandort Bern steht, war diese Erfolgsmeldung Balsam für die Seele vieler Politiker. «Der Entscheid zeigt, dass die Stadt Bern ein attraktiver Standort ist», sagte etwa der Stadtberner Finanzdirektor Michael Aebersold (SP).

Geschäftsleitung bestätigt Gespräche

Diese Freuden sind nun aber Sorgen gewichen. Ende Februar tauchten auf Wirtschaftsportalen erste Gerüchte auf, dass der deutsche Autozulieferer ZF Friedrichshafen die Wabco-Gruppe übernehmen will. Als der Aktienkurs der Wabco in einem Handelstag um 10 Prozent in die Höhe schnellte, sah sich das Unternehmen zu einer Stellungnahme gezwungen.

Darin bestätigte die Geschäftsleitung, dass derzeit Gespräche stattfinden. Eine Garantie für eine Vereinbarung gebe es jedoch keine. Trotzdem beflügelte diese Nachricht die Fantasien der Anleger aufs Neue. Der Aktienkurs stieg am Folgetag um weitere 10 Prozent an. Da sich sämtliche Aktien der Wabco in Streubesitz befinden, dürfte es vor allem eine Preisfrage sein, ob ein Deal mit der ZF Friedrichshafen zustande kommt.

Kanton hat sich abgesichert

In Bern sorgen die Übernahmegerüchte für Verunsicherung. Grossrat Daniel Arn (FDP, Muri) reichte Anfang März beim Regierungsrat eine Anfrage ein. Er wollte wissen, wie sich eine mögliche Übernahme der Wabco auf die Vereinbarungen, die das Unternehmen mit dem Kanton Bern hat, auswirken würde. Als neu angesiedelte Firma profitiert die Wabco mutmasslich von grosszügigen Steuerregelungen. So kann der Kanton Bern einer Unternehmung die Gewinnsteuern bis zu 10 Jahre um bis zu 100 Prozent erlassen.

Der Regierungsrat bestätigt im Antwortschreiben auf Arns Anfrage, dass auch er Kenntnis von den Gesprächen hat. Sonst hält er den Ball aber flach. «In der Wirtschaftswelt werden Firmenübernahmen regelmässig geprüft oder durchgeführt», heisst es im Schreiben.

Falls die Übernahme aber tatsächlich zustande komme und die Hauptsitzpläne obsolet würden, könne der Kanton Bern Rückforderungsansprüche stellen. Zwar dürfen die Behörden auf einzelne Bestimmungen im Vertrag nicht eingehen. Sie lassen jedoch durchblicken, dass es solche Ansprüche auch in Bezug auf das geplante Technologiezentrum gibt. «Ansiedelungsverhandlungen sind immer konsequent mit einer Standortgarantie verknüpft», schreibt der Regierungsrat.

Sitzverlegung kein Thema

Dass die ZF Friedrichshafen den Hauptsitz ihrerseits nach Bern verlegen würde, ist ausgeschlossen. Der Autozulieferer, der 2017 36,5 Milliarden Euro Umsatz machte, ist als Stiftungsunternehmen an den Standort gebunden. Die Geschäftsleitung des drittgrössten Autozulieferers der Welt versuchte bereits vor zwei Jahren die Wabco-Gruppe zu übernehmen, wurde aber damals vom Oberbürgermeister von Friedrichshafen und seinem Gemeinderat, die über die Stiftung den Konzern kontrollieren, ausgebremst.

Nun stehen die Lichter auf Grün. Der Konzern hat gemäss Wirtschaftsberichten den Ehrgeiz, zu den beiden inländischen Konkurrenten Continental und Bosch aufzuschliessen.

Berner Zeitung