2019-07-11 09:00

Knatsch stellt Skater-Szene vor Probleme

Skateboarden ist 2020 erstmals olympisch: Prompt entstand in der Schweiz ein Streit um Macht und Einfluss. Athleten kämpfen dabei gegen den eigenen Verband.

Tricks auf dem Board sind im nächsten Sommer in Tokio angesagt: Im Gegensatz zu Funa Nakayama (im Bild) zeigen Schweizer an den Olympischen Spielen 2020 aber wohl keine.

Tricks auf dem Board sind im nächsten Sommer in Tokio angesagt: Im Gegensatz zu Funa Nakayama (im Bild) zeigen Schweizer an den Olympischen Spielen 2020 aber wohl keine.

(Bild: Getty Images/Keith Birmingham)

Den Schweizer Skateboardern fehlt der Verbandspräsident, er ist einfach abgetreten – klammheimlich. Ohne Communiqué, ohne Medienkonferenz. Es ist die Folge eines Knatsches in einer Szene, in der auch Snowboard-Olympiasieger Iouri Podladtchikov verkehrt, in der Nachwuchssportler vom Verband mit SMS eingeschüchtert wurden und die kurz vor dem Zerfall stand. Ein Zerfall, der nun abgewendet wurde. Weil eben Präsident Urs Morgenegg sein Amt abgegeben hat.

Am Anfang des Streits stand 2016 der Entscheid des Internationalen Olympischen Komitees (IOK), die Sportart Skateboard für Tokio 2020 ins Programm aufzunehmen. Das provozierte Uneinigkeit in der weltweiten Szene. Manche sahen die Aufnahme als Chance, sich zu entwickeln. Andere hatten Angst um das Freidenkertum ihrer Sportart.

Parallel wuchs in der Schweiz eine Kontroverse um den von Swiss Olympic anerkannten Skateboardverband. 2017 bewarben sich zwei eigenständige Verbände dafür. Swiss Olympic entschied sich für die Swiss Skateboard Association (SSA) und gegen die Swiss Skateboard Union (SSU). Die SSU versteht sich als Vertreter der Szene, deren Präsident Oliver Bürgin baut beruflich Skateboardparks und organisiert internationale Anlässe. Er weiss 16 Skateboardclubs hinter sich und das Gros der Athleten. Zum Vergleich: Rivale SSA zählt bloss fünf Mitgliedsvereine. Die meisten Verbündete des einstigen Präsidenten Morgenegg, heisst es.

Bürgin suchte auf Wunsch von Swiss Olympics den Kontakt mit der SSA. «Statt mit uns zu kooperieren, haben sie abgeblockt – und das ohne Begründung.» Für Bürgin war die Sache erledigt – bis sie in diesem Frühjahr so richtig zu gären begann. Das Westschweizer Fernsehen berichtete. Die Vorwürfe: Die SSA sei zu wenig aktiv, organisiere die für die Selektion des Kaders wichtigen Anlässe wie CH-Meisterschaften trotz Versprechen nicht und kümmere sich zu wenig um die Aushängeschilder.

Der Protestbrief

Topathleten wie Fabio Martin schrieben Swiss Olympic einen Brief und beklagten sich darin über leere Versprechungen des Verbands, über Mitgliederbeiträge, auf die keine Gegenleistungen folgten. Und da war der persönliche Umgang. Einige Athleten wurden «wegen fehlender Linientreue» aus dem Kader geschmissen, andere gingen freiwillig. Die Athleten monierten fehlenden Rückhalt in der Szene von der SSA und eine mangelhafte Professionalisierung. Der Brief liegt dieser Zeitung vor und endet mit dem Satz: «Es darf nicht sein, dass ausgerechnet in der Schweiz eine Verbandsführung in Charge ist, die genau diese Professionalisierung verhindert!»

Auch in der Nachwuchsförderung gab es Probleme. So sei der Nationaltrainer nicht die optimale Wahl, sagen mehrere Spitzen- und Nachwuchsathleten. Jungen Skateboardern wurde zudem vorgeschrieben, wem sie auf Instagram folgen dürfen und wem nicht – für Nichtbefolgen wurde per SMS mit dem Ausschluss gedroht. Das führte dazu, dass ein Vater eines Nachwuchsfahrers ein juristisches Gutachten erstellen liess, das dieser Zeitung vorliegt. Das Fazit: vernichtend. Der Verband habe mit unsachlichen Gründen versucht zu verhindern, dass die eigene Mitgliedsbasis wächst. Das Gutachten kommt zum Schluss, «dass weder die Organisationsstruktur noch der Inhalt der Athletenverträge den Reglementen und Vorgaben von Swiss Olympic entsprechen».

Der abgetretene Präsident Morgenegg verzichtet auf eine Stellungnahme und verweist auf den Verband und den Nationaltrainer. Dieser lässt mehrere Anfragen unbeantwortet.

Laut Website der SSA steht auch Iouri Podlatdchikov im Nationalteam. Derzeit erholt sich der Snowboard-Olympiasieger aber von einem Achillessehnenriss. So antwortet er auf die Frage nach einer allfälligen Olympiateilnahme: «No way.» Tokio sei kein Thema mehr. Er sagt zum Zwist in der Skateboardszene: «Gewisse Menschen wollen mit anderen keinen Kaffee trinken.» Und weniger diplomatisch: «Chaos.» Es sei aber ein weiser Zug von Morgenegg zurückzutreten. «Er war nie der Frontmann, zu dem die Szene hochschaute», sagt Podladtchikov.

Die GV wurde annulliert

Neben dem Rücktritt des Präsidenten wurde auch bekannt, dass die Generalversammlung vom April ungültig ist. Ein Vater eines Mitglieds hat die damaligen Beschlüsse erfolgreich angefochten. Was nach noch mehr Chaos klingt, ist für viele Anlass zur Hoffnung. «Es bietet sich nun die Chance, den Verband von innen heraus zu erneuern», sagt Bürgin. Heisst: mehr Mitglieder, mehr Mitspracherecht von der Szene, bessere Strukturen. Doch bislang sei davon nicht viel zu hören. «Von der SSA gab es noch keinen Aufruf zu einem Neuanfang», sagt Bürgin. Wenig optimistisch stimmt ihn zudem, dass es im Verband nach wie vor kein Einzelstimmrecht für Athleten gibt. «Das ist absurd für eine ­Individualsportart wie Skateboard», sagt er.

Für Tokio 2020 dürften Reformen aber zu spät kommen. Stand heute braucht es ein sportliches Wunder, dass Schweizer Skater die internationalen Selektionskriterien schaffen.