2019-04-10 12:03

Sie zog aus ins Paradies und dachte bald: «Hey, Mist!»

Ana-Maria Crnogorcevic kickt im Land des Frauenfussballs. Wieso sie ihre Teamkolleginnen kaum in die Schweiz einladen könnte.

Blocher oder Trump? Raclette oder Burger? Ana-Maria Crnogorcevic zeigt, ob ihr Herz mehr für die Schweiz oder die USA schlägt. Video: Fabian Sanginés

  • Fabian Sangines

Da sitzt sie, im bescheidenen Medienraum der Winterthurer Schützenwiese. Gut gelaunt, wie so meistens, ein Dauerlächeln auf den Lippen. Ihre Begeisterung ist in jedem Satz zu hören, die Augen widerspiegeln ihren Enthusiasmus. Zwei Journalisten sind bei diesem Medientermin anwesend. Einer für sie, einer für den neuen Nationaltrainer Nils Nielsen. Fürs Länderspiel (heute um 19 Uhr in Winterthur) gegen die Slowakei werden rund 2000 Zuschauer erwartet. Sie strahlt gerade nicht deswegen. Ana-Maria Crnogorcevic erzählt von ihrem erfüllten Traum, den sie seit einem Jahr leben darf. Einem Leben in einer viel, viel grösseren Welt.

Denn die 28-Jährige spielt für die Portland Thorns in der US-Profiliga. Dank einer eigens für diesen Verein eingebauten Ausstiegsklausel konnte die Schweizer Rekordtorschützin im April 2018 den 1. FFC Frankfurt in Richtung Nordamerika verlassen. Zwei Jahre lang hatte sich Trainer Mark Parsons um sie bemüht. Und was sie im Bundesstaat Oregon vorfand, übertraf ihre Erwartungen. «In den USA werden die Fussballerinnen wirklich gehypt. Auf einer Stufe mit dem Männerfussball», sagt sie. Die Begeisterung in ihrem Gesicht, sie ist echt.

Obwohl, zeitweise ist es ihr doch etwas zu viel Hysterie. «Manchmal denke ich mir: Ihr übertreibt doch!», sagt sie. Das gelte aber auch, wenn sie sehe, wie Leute schreien, wenn sie einen Lionel Messi sehen: «Ja, schön, er ist der Beste. Aber muss man deshalb gleich schreien?» Ihre simple Erklärung für diese Gedankengänge: «Vielleicht bin ich da halt einfach komplett anders.» Dennoch wünscht sie sich, dass auch Länder wie die Schweiz und Deutschland im Frauenfussball mindestens einen Schritt in diese Richtung machen würden.

Regelmässig von Fans eingeladen

Nach Heimspielen vor 18'000 Fans sei es in Portland durchaus üblich, dass beim Abendessen in der Stadt ein Fan am Tisch vorbeikommt und sagt: «Eure Getränke haben wir schon bezahlt.» Und es sei schon passiert, dass die Spielerinnen der Thorns im Lagerraum der Fans Transparente für die Anhänger malten: «Das war mega cool.» Die Heimstätte, der Providence Park, fasst bisher 21'144 Zuschauer. Er soll auf rund 25'000 Plätze ausgebaut werden.

Dass in den USA alles intensiver gelebt wird, musste sie schnell feststellen. Auch auf dem Platz: «Manchmal hatte ich das Gefühl, dass ich fitnesstechnisch gar nicht dabei bin.» Und wenn sie im Sommer nach Orlando oder Houston reisen und bei 40 Grad spielen musste, dachte sie nur: «Hey, Mist.» Hinzu kommt, dass auch auf dem Platz eine hohe Intensität vorgegeben wird. «Hier wird 90 Minuten durchgepresst. In Europa sagt man ‹Es geht nicht über 90 Minuten›. Doch, es geht schon. Hier schleichen sie nach der Partie vom Platz, das ist eine ganz andere Mentalität», erzählt Crnogorcevic. Sie glaubt auch, dass ihr Team in Europa um den Champions-League-Titel mitspielen würde: «Ein Vergleich gegen ein europäisches Topteam wäre interessant.»

Den Ring am Finger gewünscht

Gegen Ende der Saison war sie völlig platt, habe leiden müssen: «Im Halbfinal und Final fehlte der letzte Saft.» Vielleicht auch deshalb verloren die Titelverteidigerinnen im Final gegen North Carolina 0:3 – vor 21'144 Fans. «Ich habe mir gewünscht, zum Saisonende den fetten Meisterring am Finger zu haben. Das wäre das i-Tüpfelchen gewesen», sagt sie.

Denn sonst hat sie sich im Bundesstaat Oregon hervorragend eingelebt. Ihr imponieren vor allem die Freiheiten, die den Fussballerinnen gewährt werden. Schliesslich habe sie erwartet, dass in der Kabine 90 Minuten vor Spielbeginn Ruhe und Handyverbot herrsche. Aber: «Es ist schon fast wie im Zirkus.» Hier tanzen die Einen, da schiessen die Anderen in der Fotoapp Snapchat Selfies. «Aber dann kommt der Trainer, und der Fokus ist sofort zu 100 Prozent da. Da musste ich einfach sagen: Hey, krass!» Noch extremer sei dieser Spagat bei Auswärtsspielen. «Da kannst du machen, was du willst. Wir bekommen sogar kleine Busse oder Vans, um auswärts zu essen. Man bekommt noch Geld und kann irgendwohin. Es gibt vielleicht ein Essen, bei dem wir alle zusammen sein müssen.»

Bedenken um vegane Teamkolleginnen

Ihre Erwartungen wurden also gänzlich übertroffen. Sie kann es sich jetzt auch gut vorstellen, ihren im Sommer auslaufenden Vertrag zu verlängern. Unmittelbar nach ihrem Transfer hatte Crnogorcevic noch in Erwägung gezogen, nach einem Jahr zu Frankfurt zurückzukehren. Nun vermisst sie nicht einmal mehr ihr heissgeliebtes Steakhouse, das sie schweren Herzens verlassen musste. Mehr noch: Sie ernährt sich mittlerweile meistens vegan: «Fleisch kommt bei mir nur alle drei Wochen auf den Tisch.» Vier Teamkolleginnen leben komplett vegan. Deshalb hatte sie Bedenken, als die Mitspielerinnen sagten, Crnogorcevic solle sie mal in die Schweiz mitnehmen. «Ja, kommt mal», sagte sie zuerst. Bevor ihr einfiel, dass die vegane Auswahl hier nicht so üppig ist wie im «essenstechnisch überragenden» Portland. Nachdem sie in einem Schweizer Supermarkt auf der Suche nach veganen Produkten komisch angeschaut worden war, dachte sie nur noch: «Mist, die würden hier sterben!»

Ohnehin müsste der Besuch warten, denn am Samstag starten die Portland Thorns gegen Orlando Pride in die Saison. Auch diese Saison gehören die zweimaligen Meisterinnen zum engen Favoritenkreis. Der Titel wäre die Krönung für das Abenteuer von Crnogorcevic. Mit dem Gewinn der Meisterschaft hätte sie mit dem traditionellen Meisterschaftsring auch ein physisches Andenken: «Es ist wirklich ein fetter Klunker. Es wäre schön, so einen zu haben.»

Bernerzeitung.ch/Newsnetz