2016-11-19 11:54

100'000 Schweizer Patienten greifen illegal zu Cannabis

Über 3500 Schweizer lassen sich legal mit Cannabis behandeln. Prominentestes Beispiel: Polo Hofer. Doch der Weg zum Rezept ist aufwendig und die Behandlung teuer. An die 100'000 Patienten greifen daher laut Schätzungen illegal zu Cannabis.

Linderung dank Cannabis: Die Nachfrage aus medizinischen Gründen steigt.

Linderung dank Cannabis: Die Nachfrage aus medizinischen Gründen steigt.

(Bild: Fotolia)

Polo Hofer ist an Lungenkrebs ­erkrankt und stark abgemagert. Jetzt setzt der Berner Barde auf Cannabis, wie er dem «Blick» ­Anfang Woche anvertraute. Er macht dies nicht, um mit Rauschzuständen seine schwere Erkrankung besser zu ertragen, sondern aus medizinischen Gründen. ­­­Nur dürfte er den Krebs damit leider kaum besiegen. Die unbestätigte Wirkung von Cannabis in der Krebsbehandlung ist eine der ­vielen Erkenntnisse der Fachtagung vom vergangenen Wochenende (siehe Kasten).

Da darf ­Polo Hofer schon eher auf die bei ihm eingeleitete Chemotherapie ­hoffen. Aber Cannabis ist ein ­pro­bates Mittel, um die häufig mit Krebserkrankungen und Chemotherapien einhergehenden Nebenerscheinungen wie Schmerzen, Übelkeit und Appetitlosigkeit zu bekämpfen. So nimmt Polo Hofer jetzt täglich ein paar Tropfen Öl mit Komponenten aus der Pflanze Cannabis sativa zu sich. Und das mit dem Segen des Staates. Dabei ist der Wirkstoff THC so dosiert, dass er keine berauschende Wirkung entfalten kann.

Grosse Hürden

Nebst Polo Hofer greifen heute über 3500 Schweizer ganz legal auf Cannabis zurück, um sich Linderung bei verschiedenen Krankheiten zu verschaffen. «Wir verzeichnen eine klare Zunahme der Gesuche um eine Ausnahmebewilligung», betont Markus Jann, Leiter der Sektion Drogen beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf Anfrage.

Diese würden sich von Jahr zu Jahr verdoppeln. Jann geht davon aus, dass nach dem Outing von Hofer die Anzahl der Gesuche in den nächsten Wochen noch zusätzlich ansteigen dürfte. Dies trotz beträchtlichen Hürden, die es zu meistern gilt, will man Cannabis legal als Medikament zu sich nehmen. Nur bei vier Indikationen kann das BAG überhaupt eine Bewilligung erteilen:

  • Spastik unter anderem bei multipler Sklerose.
  • Schmerzen bei chronischen Schmerzzuständen.
  • Appetitlosigkeit bei HIV-Erkrankungen.
  • Übelkeit, Appetitlosigkeit und Schmerzen bei Krebserkrankungen.

Der Hausarzt reicht beim BAG ein entsprechendes Gesuch ein. Dabei muss er Angaben zur Diagnose, der Krankheitsgeschichte und den bisherigen Behandlungsansätzen machen. Nicht jeder Arzt ist bereit, diesen Aufwand auf sich zu nehmen für eine Behandlung, deren Vorteile selbst in Medizinerkreisen noch nicht so bekannt sind. «Und es kommt noch hinzu, dass Cannabis einen schlechten Ruf als Kiffer-Droge hat», ist Rudolf Brenneisen, Leiter der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin (SACM), überzeugt.

Sowohl Brenneisen wie Jann sind der Ansicht, dass es gerade bei den Hausärzten noch ein grosses Informationsdefizit gebe. «Wir regen seitens des BAG nicht nur suchtmedizinische Netzwerke an, Cannabis als mögliches Medikament stärker bewusst zu machen», betont Jann. Ganz konkret versuche man, die Vorteile und Anwendungsmöglichkeiten von Cannabis in die Ausbildung von Ärzten einzubringen.

Der illegale Weg

Und das sind nicht die einzigen Hindernisse. Cannabis ist als Heilmittel auch noch teuer. Wer sich mit einer Ausnahmebewilligung behandeln lässt, muss tief ins Portemonnaie greifen. Da die Krankenkassen nur rund in der Hälfte aller Fälle etwas an eine solche Therapie zahlen, muss der Patient für den Einsatz von Medizinalcannabis im Monat mehrere Hundert Franken hinblättern. Da ist es wesentlich billiger, wenn man sich Gras auf der Strasse besorgt oder selber anpflanzt. «Wir müssen davon ausgehen, dass sich eine erhebliche Anzahl Menschen in der Schweiz aus medizinischen Gründen Cannabis illegal beschaffen», betont der Leiter der Sektion Drogen beim BAG.

Obwohl es in der Schweiz keine konkreten Daten gibt, schätzt Jann aufgrund anderer internationaler Erhebungen die Anzahl auf bis zu 100'000 Leuten. Das sind erstaunlich viele unbescholtene Bürger, welche die Gefahr auf sich nehmen, kriminalisiert und bestraft zu werden. Das musste kürzlich ein 58-jähriger Schweizer IV-Rentner erfahren: Obwohl der von schweren Schmerzen gezeichnete Mann glaubhaft darstellen konnte, dass er das selber angebaute Cannabis für medizinische Zwecke verwendete, hat ihn das Bezirksgericht Zofingen verurteilt.

Ganz anders präsentiert sich die Situation in Deutschland. Schwerkranke dürfen in Ausnahmefällen Cannabis für den Eigengebrauch anbauen. Dies entschied kürzlich das Kölner Verwaltungsgericht. Rudolf Brenneisen begrüsst diese Entwicklung im Grundsatz. Aber er warnt auch, dass beim Eigenanbau und noch verschärfter beim Kauf von Strassenhanf der Patient viele Risiken eingehe: «Nebst der Ungewissheit, wie gross der Anteil des berauschenden Bestandteils THC ist, sind solche Blüten oft mit Pestiziden und Fungiziden verseucht.»

Eine Problematik, die dem Bundesamt für Gesundheit durchaus bewusst ist und entsprechende Sorgen bereitet, wie Jann bestätigt. Trotzdem hat er Verständnis dafür, dass sich Patienten selber mit Gras eindecken und die rechtlichen Gegebenheiten beklagen: «Ich verstehe den Ärger der Betroffenen angesichts der Tatsache, dass etwa viel gefährlichere Opiate problemlos verschrieben werden können, aber ein sanftes Medikament wie Cannabis beziehungsweise THC nur schwer zugänglich ist.»

Kleiner Hoffnungsschimmer

Und dies dürfte sich in naher Zukunft auch kaum ändern. Denn für die Zulassung von Cannabisprodukten als einfach zugängliche Medikamente gibt es viele Stolpersteine. Zwar gibt es viele Fallstudien, die eine Wirkung etwa bei multipler Sklerose klar belegen, aber es fehlen klinische Studien. Diese sind extrem teuer und aufwendig. Die Pharmaindustrie hat kaum Interesse, in diesen Bereich zu investieren, da es äusserst schwierig ist, Produkte einer Pflanze zu patentieren. Und nur mit einem Patent fliesst das Geld so richtig.

Zudem befürchten sie Konkurrenz für ihre eigenen Schmerzmedikamente. Hoffnung setzt Jann in die USA, wo es Anzeichen gebe, dass Stiftungen in diese Forschung einsteigen könnten.

Berner Zeitung