2019-07-11 18:41

Die Rettungsweste soll kein Partykiller sein

Thun

Nur gerade jede 12. Person trägt im Schlauchboot eine Schwimmweste. Täten es alle, so könnten pro Jahr vier von fünf tödlichen Unfällen verhindert werden.

Laut der Beratungsstelle für Unfallverhütung unterschätzen viele Böötler die Gefahren auf Schweizer Flüssen.
(Video: Tamedia/Keystone-SDA)

Gemütlich lassen sich die drei jungen Männer in ihrem Schlauchboot von der Aare treiben. Doch plötzlich passiert es: Einer von ihnen kippt ins Wasser. Er rudert mit den Armen. Er zieht an der Leine seiner Rettungsweste, die sich sofort aufbläst. Seine Kollegen können ihn an Bord zerren. Gerettet!

Die Szene ist nur gespielt. Die drei Männer sind Mitarbeiter der Schweizerischen Lebensrettungsgesellschaft (SLRG). Das Schauspiel führen sie an einer Medienkonferenz bei der Einwasserungsstelle im Schwäbis bei Thun vor. Also dort, wo sich an heissen Sommertagen die Gummiboote bis zur Regiebrücke hinauf stauen. Nicht so am Donnerstag, zu kühl und bewölkt ist das Wetter.

Boottrip als Freiluftparty

Zur Medienorientierung geladen haben nebst den Lebensrettern die Stadt Bern, die Kantonspolizei Bern und die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU). Beim beliebten Startpunkt für Aareböötler präsentieren die Partner die diesjährige «Aare You Safe?»-Kampagne. Diese steht mit dem Motto «Oben bleiben!» ganz im Zeichen der Freizeitkapitäne. Und dies mit gutem Grund. So hat die BfU im letzten Jahr in Schweizer Gewässern eine Erhebung durchgeführt.

Das Resultat: Nur gerade acht Prozent der Schlauchbootpassagiere tragen eine Rettungsweste. «Ein bedenklich niedriger Wert», sagt BfU-Mediensprecher Marc Kipfer. Jährlich ertrinken fünf Personen bei Schlauchbootausflügen auf Schweizer Gewässern. «Würden alle eine Weste tragen, könnte man vier davon verhindern», so Kipfer.

Aareböötle ist längst zu einer populären Freizeitbeschäftigung geworden, ja gar zu einer «Festkultur», wie es Kipfer nennt. Gerade bei der jüngeren Generation verkommt ein Boottrip oft zu einer regelrechten Freiluftparty. Aufblasbare Flamingos und Einhörner werden mit Booten zusammengebunden, aus kleinen Boxen dröhnt Musik, auch ein Sixpack Bier gehört dazu.

«Viele haben ein etwas falsches Bild von einer Rettungsweste.»Marc Kipfer, Mediensprecher Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU)

Nur eines fehlt: Schwimmwesten. Wenn Philipp Binaghi solche Szenen sieht, muss er den Kopf schütteln. Der SLRG-Sprecher kennt die Gefahren von reissenden Gewässern wie der Aare zu gut. Das Schlauchboot kann Luft verlieren, kentern, man kann rausfallen ins kalte Wasser, man kann gegen einen Brückenpfeiler prallen oder in eine starke Strömung geraten – «in all diesen Fällen ist die Rettungsweste eine Lebensversicherung», so Binaghi.

Bloss keine Eitelkeiten

Eine gesetzliche Pflicht zum Tragen einer Weste gibt es nicht, nur das Mitführen einer solchen ist ein Muss. Gummibootverleiher sind verpflichtet, ihre Mieter darauf aufmerksam zu machen. Ob die Aareböötler diese dann auch tragen, liegt in deren Eigenverantwortung. Bei vielen von ihnen kommen solche Sicherheitsvorkehrungen einem Partykiller gleich. Eine Rettungsweste ist oftmals etwas «chlobig» und behindert den Bräunungsprozess am Oberkörper. «Das ist jedoch ein etwas falsches Bild, das viele haben», meint Marc Kipfer.

Leicht und schlank: So sieht die Weste in normalem Zustand aus, nach dem Ziehen der Reissleine bläst sich die Weste in Sekundenschnelle von selbst auf.

Um den Eitelkeiten gewisser Aareböötler Rechnung zu tragen, bewerben die Kampagnenpartner eine leichte und schlanke Rettungsweste, welcher der BfU-Sprecher gar eine «gewisse Attraktivität» zusprechen kann. Die handliche Weste in Leuchtorange bedeckt in der Tat nur einen Teil der Brust. Zieht man an der kurzen Reissleine, bläst sich die Weste auf und dreht die Person im Wasser auf den Rücken. Dabei schützt der Kragen der Rettungsweste sogar bei Ohnmacht.

Edition für 80 Franken

Neu ist diese handliche Weste indes nicht. Die deutsche Firma Secumar stellt sie schon länger her. Für die Präventionskampagne haben die «Aare You Safe?»-Partner jedoch eine Sonderedition anfertigen lassen – versehen mit ihrem Logo. Beziehen kann man sie vergünstigt für 80 Franken bei der Stadt Bern. Im Fachhandel gibts die Weste für 100 bis 120 Franken. Nach einmaligem Aufblasen muss für 20 Franken eine neue Patrone besorgt werden.

Gegen Ende der Medienkonferenz tauchen doch noch Aareböötler auf. Die beiden Familien tragen allesamt Rettungswesten. Eine der beiden Mütter sagt: «Für mich gehört eine Weste dazu, allein schon wegen der Kinder.» Die Kampagnenleiter zeigen sich erfreut. Und nein, engagierte Schauspieler seien das nicht gewesen.

Mehr Infos unter: www.aareyousafe.ch.

Berner Zeitung