2018-09-01 09:35

«Es braucht starke Landspitäler»

Gesundheitsdirektor Pierre Alain Schnegg (SVP) betont, dass es das Tiefenauspital trotz des Verzichts auf einen Neubau auch künftig brauche. Und er begrüsst, dass die Insel-Gruppe die Bedeutung der ländlichen Spitäler stärkt.

Zufrieden mit der Insel- Strategie: Regierungsrat Pierre Alain Schnegg.

Zufrieden mit der Insel- Strategie: Regierungsrat Pierre Alain Schnegg.

(Bild: Andreas Blatter)

  • Philippe Müller

    Philippe Müller

Die Insel-Gruppe verzichtet auf einen Spitalneubau in der Tiefenau. Was sagen Sie dazu?Pierre Alain Schnegg:Ich möchte festhalten, dass der Verwaltungsrat insgesamt gute Arbeit geleistet hat. Es wurde eine Strategie erarbeitet, die in meinen Augen sinnvoll ist. Die Infrastruktur am Tiefenauspital ist sicher nicht die schlechteste. Ich kann gut nachvollziehen, dass man lieber ­saniert als neu baut.

Weshalb ist ein Neubau nicht nötig?Wir konzentrieren uns zu oft auf das Alter des Betons statt auf den Inhalt eines Spitals. Das Insel-Management ist zum Schluss gekommen, dass das Tiefenauspital seinen Auftrag in der Grund­versorgung grösstenteils innerhalb der heutigen Infrastruktur, die ja aufgebessert werden soll, erbringen kann.

Den Verzicht auf einen Neubau kann man auch so interpretieren, dass das Tiefenauspital über kurz oder lang nicht mehr benötigt wird.Ich sehe das nicht so. Aus heutiger Sicht braucht es das Tiefenauspital und die Landspitäler auch für die weitere Zukunft. Die Bevölkerung wird immer älter, das Bedürfnis nach einer lokalen Grundversorgung auch im ambulanten Bereich immer grösser. Es wird nicht zuletzt neue Angebote in der Alterspflege und der Rehabilitation brauchen.

Künftig wird das Stadtspital ­Tiefenau auf die gleiche Stufe wie die Landspitäler gesetzt. Das 3-Stufen-Modell – einfache Fälle in die Landspitäler, mittelkomplexe ins Tiefenau, schwere Fälle ins Inselspital – wird also abgeschafft?Es ist tatsächlich so, dass die Insel-Gruppe künftig vor allem noch zwischen den beiden Bereichen Spitzenmedizin und Grundversorgung unterscheiden wird. Wobei die Grundversorgung sehr vielfältig ist, und die einzelnen Spitäler durchaus noch Spezialbereiche wie Orthopädie oder Augenmedizin anbieten werden.

Sie selber waren immer ein Gegner davon, dass einfache Fälle am teureren Unispital behandelt werden. Durch die Rückstufung des Tiefenauspitals könnte das künftig noch vermehrt vorkommen, oder?Das glaube ich nicht unbedingt. Es ist wichtig, dass die Insel auf die Spitzenmedizin und schwierige Fälle fokussiert. Die übrigen Spitäler der Insel-Gruppe müssen die Grundversorgung unter sich aufteilen. Wir werden ­schauen müssen, dass das in der Praxis auch wirklich so gemacht wird.

Der Kanton kann über die Spitalliste steuern, welches Spital welches Angebot hat. Nächstes Jahr wird die neue Spitalliste umgesetzt. Wird dort die neue Strategie der Insel-Gruppe bereits abgebildet sein?Sicher wird das nicht zu hundert Prozent der Fall sein, dafür ist die Zeit zu knapp. Aber man kann auch nach Inkrafttreten der Spitalliste noch Anpassungen vornehmen.

Wird es Spitäler geben, die ab nächstem Jahr Aufträge ­verlieren?Ja, es wird einzelne Veränderungen geben. Grundsätzlich ist es so, dass ein Spital mit einem ­Angebot eine Mindestfallzahl ­erreichen muss. Verpasst es diese Untergrenze, verliert es den ­Auftrag.

In der Tiefenau will die Insel-Gruppe nicht neu bauen, in Münsingen wird aber ein Neubau erwogen. Ist das sinnvoll?Man muss jeden Fall separat anschauen. Das Tiefenauspital ist wie gesagt nicht baufällig. Das Spital in Münsingen liegt dagegen in einem Quartier, wo die Weiterentwicklung der Infrastruktur wegen der knappen Platzverhältnisse schwierig ist. Wenn die Insel-Gruppe für die nächsten 20 bis 30 Jahre das genau richtige Angebot für das Spital Münsingen findet, kann ein Neubau durchaus sinnvoll sein.

Gesundheitsexperten sagen, das Spital Münsingen lasse sich auch wegen der Nähe zu Bern nicht kostendeckend betreiben.Klar, man ist von Münsingen in 20 Minuten in Bern. Wenn man aber wie gesagt das richtige Angebot für Münsingen findet, kann dieses Konzept funktionieren. Man muss auch bedenken, dass es dort eine grosse psychiatrische Klinik gibt. Die Zusammenarbeit zwischen Psychiatrie und Somatik wird immer wichtiger. Also kann ein Ausbau des medizinischen Angebots in Münsingen durchaus sinnvoll sein.

Die neue Strategie der Insel-Gruppe stärkt generell die Landspitäler und erinnert an das Sprichwort «Jedem Täli sis Spitäli». Ist das noch zeitgemäss?Wenn das Angebot in jedem Spital das gleiche wäre, wäre es natürlich nicht zeitgemäss und auch nicht akzeptabel. Zentral ist, dass man die Angebote schlau auf die verschiedenen Standorte verteilt. Dann bin ich klar der Meinung: Es braucht starke Landspitäler.

Das entspricht einer Kehrtwende in der kantonalen Spitalpolitik. Noch bis vor kurzem mussten Spitäler in Randregionen um ihre Existenz zittern, weil alle von Zentralisierung sprachen.Es ist ganz einfach: Eine Region, die ihr Spital verliert, findet auch kaum mehr Hausärzte und Pflegepersonal. Und eine Region ohne Hausärzte und medizinische Fachkräfte ist eine Region, die langsam stirbt. Das wollen wir nicht. Deshalb ist etwa das Spital in Riggisberg so wichtig. Die Hausärzte dort brauchen Unterstützung und Zugang zu gewissen Dienstleistungen, Infrastruktur und Apparaturen. Und es ist eine Tatsache, dass gerade eine ältere Person nirgendwo günstiger medizinisch betreut werden kann als in einem Landspital. Zudem fühlt sie sich dort zu Hause, hat ihre Bezugspersonen dort. Ganz anders sieht es beispielsweise in der Herzchirurgie aus. In der spezialisierten und der Spitzenmedizin bin ich ein klarer Befürworter der Zentralisierung.

In der neuen Strategie spricht die Insel-Gruppe davon, ins­besondere mit dem Inselspital weltweit eine Spitzenposition einnehmen zu wollen. Ist das nicht etwas gar hochtrabend in einem Kanton, der kaum Geld hat?Wissen Sie: Um etwas besonders gut zu können oder hervorragende Resultate zu erreichen, brauchen Sie nicht zwingend viel Geld. Sie brauchen das richtige Personal und Vertrauen. Das Inselspital wird nicht überall die Nummer eins der Welt sein. Aber in gewissen Bereichen wird sie an der Spitze mitmischen. Manchmal haben wir im Kanton Bern ­etwas zu wenig Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten.

Noch immer ist Uwe E. Jocham sowohl Direktionspräsident als auch Verwaltungsratspräsident der Insel-Gruppe. Wann wird sich das ändern?Die Suche nach einem neuen Verwaltungsratspräsidenten oder einer -präsidentin läuft plangemäss. Ende Jahr werden wir diesen Personalentscheid fällen.

Uwe E. Jocham möchte danach immer noch als einfaches Mitglied im Verwaltungsrat ­bleiben. Die Politik inklusive ­Regierungsrat lehnt eine solche Doppelfunktion auf lange Sicht ab. Sie werden Herrn Jocham ­also den Verwaltungsratssitz wegnehmen müssen.Bevor die Regierung das entscheiden kann, brauchen wir einen neuen Präsidenten oder eine neue Präsidentin.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz