2018-04-29 17:51

Wie Bern vom YB-Erfolg profitiert

Fällt der Erfolg von YB auf die Stadt Bern zurück? Das sei denkbar, sagt Sportökonom Tim Ströbel. Doch um langfristig Image und wirtschaftlichen Erfolg einer Stadt zu beeinflussen, brauche es mehr als einen Titel.

Die Nachfrage nach Fanartikeln ist rekordverdächtig. Nun muss YB den Boom nachhaltig nutzen.

Die Nachfrage nach Fanartikeln ist rekordverdächtig. Nun muss YB den Boom nachhaltig nutzen.

(Bild: Raphael Moser)

  • Benjamin Bitoun

Endlich ist es offiziell: Die Farbe des Berner Frühlings ist gelb-schwarz. Ebenfalls klar ist, dass der langersehnte Meistertitel YB allein durch den Verkauf von Fan-Artikeln viel Geld in die Vereinskasse spülen wird. Denn obwohl YB-Fans das Wort Meister in den vergangenen Wochen vorsichtshalber kaum in den Mund genommen haben, deckten sie sich kräftig mit Fanartikeln ein. «Gerade die Nachfrage nach Trikots und Schals hat in den letzten Wochen massiv zugenommen», sagt Marc Schmidt, Verantwortlicher für den Vertrieb von Fanartikeln. Sie liege deutlich über derjenigen der Vorjahre. Und auch wenn der Club dazu bis heute nichts sagen wollte: Natürlich kommen zu den Erlösen noch diejenigen dazu, die der Club durch den Verkauf von speziellen Meistergadgets erzielen wird.

Doch wie wichtig ist der Erfolg für die Clubfinanzen – wird YB nun gar zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte? «Der Titel kann für YB vieles einfacher machen», sagt Tim Ströbel. Der 37-jährige Sportökonom setzt sich an der Universität Bern mit Fragen der Finanzierung von Profisportclubs auseinander. Sportlicher Erfolg sei wichtig, weil er dem Club mehr Medienpräsenz verschaffe und ihn so für Sponsoren attraktiver mache. «Um aber langfristig wirtschaftlich erfolgreich zu sein, braucht es mehr», sagt Ströbel (siehe Interview).

Die Stadt Bern: Eine Siegerin?

Mit dem Titelgewinn hat YB das Verliererimage definitiv abgelegt. In den Köpfen der Spieler scheint ein Mentalitätswechsel stattgefunden zu haben. Stellt sich die Frage, ob ein solcher Wechsel auch in den Köpfen der Bernerinnen und Berner möglich wäre. Ist es denkbar, dass der Erfolg eines Sportclubs die Mentalität einer Stadt verändert, dieser eine Art Gewinnerimage verleihen kann? Grundsätzlich ja, sagt Sportökonom Ströbel. «Doch ­dazu reicht ein einzelner Meistertitel vermutlich nicht.» Belegt seien solch positive Effekte im Zusammenhang mit grösseren Veranstaltungen wie Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen. Da könne eine tadellose Durchführung oder ein erfolgreiches Abschneiden des Heimteams eine Region oder ein ganzes Land positiv beflügeln. Ströbel verweist auf Studien zur WM in Deutschland im Jahr 2006. «Diese belegen, dass sich dadurch das Image des Landes im In- und Ausland verbessert hat.»

Schwieriger nachzuweisen ist, ob der Erfolg der Heimmannschaft einer Stadt auch wirtschaftlich Schwung verleihen kann. Wahrscheinlich verhalte es sich eher andersrum, vermutet Tim Ströbel. Nämlich, dass prosperierende Städte mit der nötigen Infrastruktur und vielen ­erfolgreichen Unternehmen als Arbeitgeber und potenzielle Sponsoren eher wirtschaftlich erfolgreiche Clubs hervorbringen. «In den USA etwa sind alle erfolgreichen Clubs in Metropolen angesiedelt», sagt Ströbel.

Wo Club und Stadt eins sind

Für den Sportökonomen steht jedenfalls fest: Damit ein Club zum Synonym einer Stadt wird und in der Wahrnehmung der Leute mit ihr zu einem Ganzen verschmilzt, dass seine Erfolge also einen messbaren wirtschaftlichen Effekt auf die Stadt haben – dafür braucht es Zeit. Ein Meistertitel kann ein Anfang sein – aber nicht mehr. «Solche langfristigen Effekte gibt es beispielsweise in Barcelona oder Liverpool», sagt Ströbel. «Da planen Urlauber einen Besuch im Camp Nou oder an der Anfield Road fest ein und finden dort ein entsprechendes touristisches Angebot vor, das ganz bewusst auf ausländische Gäste abzielt.»

Müsste YB demnach im Stadion – nennen wir es Wankdorf – eine «Wunder von Bern»-Führung für deutsche Urlauber ins Programm aufnehmen? Von der Vermarktung her kein einfaches Thema für Bern, findet Tim Ströbel. «Als Deutscher und Fan der deutschen Nationalmannschaft würde es mich aber natürlich freuen.»

Berner Zeitung