2019-08-29 17:52

Bis 2030 geht der Post der Schnauf aus

Macht der gelbe Riese so weiter wie bisher, gerät er in zehn Jahren in eine finanzielle Schieflage. Um neue Ertragsquellen zu finden, bleibt dem Staatsbetrieb wenig Zeit.

Die Abläufe bei der Briefverarbeitung konnten weiter verbessert werden. (Archiv Keystone/Gabriele Putzu)

Die Abläufe bei der Briefverarbeitung konnten weiter verbessert werden. (Archiv Keystone/Gabriele Putzu)

Das brisante Resultat einer internen Simulation mit dem harmlosen Namen «Basisplanung 2030» dürfte der Post-Spitze um den neuen Chef Roberto Cirillo kaum gefallen: Nimmt der Staatsbetrieb die rückläufigen Entwicklungen in seinen wichtigen Geschäftsbereichen bis in zehn Jahren weiterhin untätig hin, geht ihm finanziell die Puste aus. Die Berechnungen deuten zu diesem Zeitpunkt nur noch auf eine schwarze Null beim Betriebsgewinn vor Zinsen und Steuern hin. Der Geldfluss respektive Cashflow dürfte negativ ausfallen.

Zum Vergleich: Per Ende Juni 2019 betrug der Betriebsgewinn 269 Millionen Franken, wie die Post gestern bekanntgab. Die Simulation geht davon aus, dass die Menge der Briefpost in den kommenden Jahren anhaltend rückläufig ist und dass bei der Bankentochter Postfinance die Zinserträge weiterhin wegbrechen. Es sind die ertragsstärksten Geschäftsfelder des Unternehmens, dank deren es die Grundversorgung aus eigener Kraft finanzieren kann.

Rückläufiger Trend hält an

Wie richtig die Post mit ihren Annahmen für die Simulation liegt, zeigt sich auch im laufenden Geschäftsjahr: Im Zuge der Digitalisierung versenden immer weniger Privatpersonen und Unternehmen Papierpost. Die Zahl der Briefe nahm im ersten Semester im Vergleich zum Vorjahr um 5,5 Prozent ab. Damit setzt sich der Trend der Vorjahre fort.

Trotzdem verzeichnete der Geschäftsbereich Briefpost 2019 ein ausgeglichenes Ergebnis. Dies weil es gelang, die Abläufe bei der Briefverarbeitung weiter zu verbessern. Post-Finanzchef Alex Glanzmann relativiert jedoch im Gespräch mit dieser Zeitung: «Effizienzsteigerungen reichen auf lange Sicht nicht mehr aus, um den Rückgang bei der Briefpost wettzumachen.»

Postfinance erwirtschaftete trotz eines tieferen Zinsertrags von 82 Millionen Franken ein stabiles Resultat. Zustande kam es dank Sondereffekten. Die Bewältigung der Negativzinsphase bleibt eine grosse Herausforderung für die Post-Tochter. Einen Ausweg sieht der Mutterkonzern darin, dass er selbständig Kredite und Hypotheken vergeben kann.

Der Bundesrat ist offen dafür, schlägt im Gegenzug aber eine Teilprivatisierung von Postfinance vor. Die Parteien stehen einer Teilprivatisierung jedoch kritisch gegenüber, wie die Vernehmlassung im letzten Sommer gezeigt hat.

Aufgrund der aktuellen Ausgangslage schlägt der Post-Finanzchef Alarm: «Die Zahlen zeigen, dass die Post neue Ertragsquellen braucht, um auch weiterhin mit eigenen Mitteln und ohne Steuergelder für die Grundversorgung aufkommen zu können», sagt Glanzmann. Er sieht ein kurzes Zeitfenster von zwei bis drei Jahren, um die Weichen zu stellen. Sonst sei es zu spät.

Welche Wachstumsfelder die Post genau erschliessen will, erarbeitet das Unternehmen derzeit im Rahmen der strategischen Vorgaben für die Jahre 2021 bis 2024. Diese Zeitung weiss: Erste interne Schaubilder zeigen, wohin die Reise führen könnte. Ein Stichwort lautet «letzte Meile». Gemeint ist der Zugang der Pöstler zu den Haushalten.

Vorbild französische Post

Weil oftmals ein Vertrauensverhältnis zwischen Hausbewohnern und Post-Mitarbeitern besteht, sieht der Staatsbetrieb neue Dienstleistungen für die Bevölkerung – zumal diese immer älter wird. Die Planspiele gehen etwa dahin, Senioren mit Medikamenten zu beliefern oder zu überprüfen, ob die Menschen ihre Arzneimittel auch wirklich einnehmen. Die französische Post bietet diese Art von Service bereits an. Patienten können ihre Apotheke beauftragen, Medikamente dem Briefträger mitzugeben. Geliefert wird von Montag bis Samstag.

Chancen macht der gelbe Riese weiterhin bei der Logistik aus. Beim Transport von heiklen Gütern geniesse das Unternehmen ebenfalls ein hohes Vertrauen bei den Kunden, so die internen Überlegungen. Neue Technologien wie Transportdrohnen für Blutproben will die Post noch nicht abschreiben, auch wenn die Tests mit den Mini-Helikoptern derzeit aus Sicherheitsgründen ausgesetzt sind. Die Firma erhofft sich neue Geschäftsmodelle und betrachtet Transportdrohnen als Türöffner zu neuen Geschäftspartnern.

Die Sozialpartner der Post verfolgen die Pläne des Unternehmens genau. Matteo Antonini, Leiter Sektor Logistik der Gewerkschaft Syndicom, sagt: Er erwarte von der Post und insbesondere vom neuen Chef Cirillo, das Unternehmen zusammen mit den knapp 39500 Angestellten fit für die Zukunft zu machen. Oberste Ziele seien dabei die Arbeitsbedingungen und ein hochstehender Service Public.