2019-07-12 18:48

Piep

Von den Qualen des Anstehens, wenn man eigentlich nur ein kühles Bier möchte.

Ich stand in dem weissen, sterilen Raum. Durch die Fenster brannte die Sonne. Der zwischen Pflaumenblau und Asterviolett changierende Schriftzug der Bank war der einzige Farbpunkt in all dem Weiss. Ich schwitzte und schwitzte und schwitzte und brauchte nur ein bisschen Bargeld, um mir endlich, endlich ein kühles Bier zu gönnen.

Nur war ich in dem engen Eingangsbereich des Bankgebäudes nicht allein. Eine ältere Dame war kurz vor mir eingetreten und wühlte jetzt in ihrer riesigen Handtasche – eine Ewigkeit lang. Die Sonne warf lange Schatten, und ich schwitzte und hatte Durst. Endlich kam das Portemonnaie in der Grösse eines Transistorradios zum Vorschein.

Zwei Dutzend Kassenbons lugten heraus und raschelten, während die Dame aus den ungefähr hundert die eine Karte herausklaubte und sie endlich, endlich in den Schlitz des Bancomaten steckte. Energisch drückte sie die Tasten. Sechs Mal ertönte der Piepston – wie in einem Aufzug, einem sehr langsamen Aufzug. Ich spürte ein Schweissrinnsal meine Wirbelsäule hinuntergleiten, sodass es kitzelte.

Nach dem sechsten Piepser spürte ich Erleichterung. Das kühle Bier war nicht mehr fern. Ach, wie ich mich irren sollte. Ich hörte erneut einen Piepston, dann noch einen und noch einen, die Maschine ratterte, dann herrschte sehr lange Stille, bis es abermals Pieps machte und die Dame ein kurzes «Eh» von sich gab. Die Maschine ratterte, und die Karte kam wieder heraus.

Die Dame drehte sich um, schaute mich über den Brillenrand hinweg an, sagte «Exgüse, I muess nomau», kicherte und steckte die Karte wieder rein. Piep... Piep... Piep... Piep... Piep. Dann piepste es viermal mit unerklärlichen Pausen dazwischen. Auf der Rückseite meines Hemdes hatte sich ein dunkler Fleck gebildet, als endlich die Klappe des Geldfachs zu hören war und ich wie aus fieberähnlichen Träumen mit penetranten Piepstönen erwachte.

«Uf widerluege u ne schöne Aabe» – «Merci glychfaus». Nachdem ich zum Geld gekommen war, schlenderte ich schweissnass zum Kiosk, um noch Zigaretten zu kaufen. Als ein älterer Herr mit Lottoscheinen und bunten Rubbellosen in den Händen vor mir eintrat, machte ich kehrt und nahm den direkten Weg zum Bier.

Berner Zeitung

Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Simone Lippuner und Sandra Rutschi teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch.
Bern! Biel! Burgdorf! Das Leben! Michael Bucher, Martin Burkhalter, Simone Lippuner und Sandra Rutschi teilen an dieser Stelle abwechselnd ihre kleinen und grossen Beobachtungen. Alle Folgen finden Sie auf bernundso.bernerzeitung.ch.