2019-05-03 06:39

«Selbstbedienungsladen»: Aktionäre kritisieren Meyer-Burger-Spitze

Die Generalversammlung des Solarunternehmens verkam zum Hickhack zwischen Aktionären und Verwaltungsrat.

Ruag-Präsident Remo Lütolf wurde mit einem deutlichen Mehr von 94 Prozent der Stimmen in den Verwaltungsrat und als dessen Präsident gewählt.

Ruag-Präsident Remo Lütolf wurde mit einem deutlichen Mehr von 94 Prozent der Stimmen in den Verwaltungsrat und als dessen Präsident gewählt.

(Bild: Janine Zürcher)

Wer sich vor dem Betreten des Kongresszentrums Thun nicht an der Fassstrasse eindeckte, sollte es schon bald bereuen. Die «Fresspäckli» mit Sandwichs, Früchten und Mineral waren mit fortlaufender Zeit der unverzichtbare Muntermacher, um den teils zermürbenden Wortgefechten noch folgen zu können.

Nach zwei Stunden stand immer noch das Traktandum 1.1 auf dem Programm. Und das hatte vor allem einen Grund: Die Vertreter von Sentis Capital rund um den russischen Investor Pyotr Kondrashev bliesen zum Grossangriff gegen den Verwaltungsrat. Der zentrale Vorwurf: Während die Aktionäre wegen der anhaltenden Verluste seit Jahren in die Röhre gucken, beziehen die Verantwortlichen weiterhin Topsaläre. Aber nicht nur das. Seit Sonntag steht gar noch eine Strafanzeige im Raum.

Vogel in der Kritik

Meyer Burger gab Ende März bekannt, dass sie sich an der britischen Solarfirma Oxford PV beteiligen wird. Weil sie diese Beteiligung von rund 60 Millionen Franken nicht bar zahlen konnte, beglich sie die Rechnung in neu geschaffenen Aktien. Oxford PV wollte aber nicht Meyer-Burger-Aktien, sondern Cash. Sie verkaufte die Aktien deshalb bereits eine Woche später.

Ein ausgesuchter Kreis von Investoren konnte die Wertpapiere zum Vorzugspreis mit über zehn Prozent Abschlag beziehen. Dabei erwarb auch ein Verwaltungsratsmitglied Aktien im Wert von 422760 Franken. Ein Aktionär reichte daraufhin Strafanzeige wegen ungetreuer Geschäftsführung und Privatbestechung ein.

An der Generalversammlung outete sich nun der scheidende Verwaltungsratspräsident Alexander Vogel als jenes Mitglied. Er habe sich aber keineswegs bereichern wollen, beteuerte Vogel. Der Kauf sei vielmehr Ausdruck seines Vertrauens in die Zukunft des Unternehmens. Und: Beim Deal sei alles regelkonform zugegangen, versicherte er.

Kaum mehr Bedeutung

Vogel leitete seine letzte Generalversammlung von Meyer Burger. Dennoch sah sich der scheidende VR-Präsident mit zahlreichen Angriffen konfrontiert. Neben seiner Rolle im Oxford-PV-Deal rügten die Vertreter von Sentis Capital auch seinen Interessenkonflikt in Sachen Rechtsvertretung. Vogel ist Partner der Zürcher Anwaltskanzlei Meyerlustenberger Lachenal.

Alleine in den letzten drei Jahren bezog die kriselnde Meyer Burger Rechtsdienstleistungen von rund 1,9 Millionen Franken bei Vogels Kanzlei. Während er sich anfangs noch verteidigte, nahm Vogels Gegenwehr mit der Zeit spürbar ab. Wortmeldungen von verärgerten Aktionären quittierte er öfters mit den Worten: «Besten Dank auch für diesen Beitrag.»

Trotz all der Kritik: Mit ihren Anträgen blieb Sentis Capital chancenlos. Zwar erntete sie den Applaus von Kleinaktionären, aber bei den Abstimmungen stellte sich jeweils eine stabile Zweidrittelsmehrheit hinter den Verwaltungsrat. Als Nachfolger von Vogel wurde der derzeitige Ruag-Präsident und Ex-ABB-Manager Remo Lütolf gewählt.

An ihn richtete der Sentis-Verwaltungsrat Anton Karl die ­Worte: «Schliessen Sie den bisherigen Selbstbedienungsladen.» Trotz des siebten Verlustjahrs in Folge bezog CEO Hans Brändle 2018 ein Gehalt von einer Million Franken, Alexander Vogel 300'000 Franken. Klar ist: Die Saläre werden ab 2020 zurückgehen. Das ist aber vor allem deshalb der Fall, weil Management und Verwaltungsrat um je zwei Personen verkleinert wurden.

Während man aus lokaler Sicht bis vor einem Jahr noch mit Argusaugen auf die Geschehnisse rund um Meyer Burger blickte, hat sich dies seit den Abbauplänen 2018 mehr oder weniger erübrigt. In Thun beschäftigt die Firma noch rund 70 Leute. Für den hiesigen Wirtschaftsstandort hat Meyer Burger also noch die Bedeutung eines mittelgrossen KMU.

Berner Zeitung