2015-10-20 07:49

Die Abwahl der frechen Aufsteigerin

Bern

Frech und unbekümmert stieg Aline Trede die Karriereleiter hoch – und wurde am Sonntag jäh gebremst. Am Tag nach der Abwahl ist Trede zwar sehr enttäuscht, denkt aber bereits über eine Weiterbildung nach.

Der Wahlkampf ist vorbei, es hat nicht gereicht: Aline Trede hängt ihr Wahlplakat vom Gartenzaun ab.

Der Wahlkampf ist vorbei, es hat nicht gereicht: Aline Trede hängt ihr Wahlplakat vom Gartenzaun ab.

(Bild: Urs Baumann)

  • Christoph Hämmann

    Christoph Hämmann

Sie hängte als Erste ihre Wahlplakate auf, als diese noch auffielen, sie wirbelte auf allen medialen Kanälen, ging hinaus zu den Leuten und trank Bier mit ihnen, im letzten Monat stand sie jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe an einem anderen Bahnhof.

Allein: Es hat nicht gereicht. Die Grünen verloren im Kanton Bern einen von drei Sitzen, jenen von Aline Trede. «Jetzt bin ich 32-jährig und Alt-Nationalrätin», sagt sie am Tag nach ihrer Abwahl.

Der Anflug von Galgenhumor ist typisch Trede. Anders als viele andere Jungpolitiker, die bloss der Jahrgang von ihren ergrauten Kollegen unterscheidet, fiel sie auf mit ihrer frischen und frechen Art – und musste sich dafür nicht einmal verstellen.

Erst Ferien, dann Jobsuche

Nun sitzt Trede an ihrem Küchentisch, und es stellt sich die Frage, wie viel die Niederlage mit ihrer Persönlichkeit zu tun hat. «Ich habe Ecken und Kanten», sagt sie. Dass dies polarisiert, zeigen ihr die hämischen Kommentare, die sie nach der Abwahl erhält. «Aber die aufmunternden Reaktionen sind zum Glück weitaus in der Überzahl.» Zuspruch kann Trede brauchen, sie ist «sehr enttäuscht». Aber vorzuwerfen habe sie sich nichts. «Ich habe alles gegeben.»

Weil der Kanton Bern aus demografischen Gründen einen Sitz abgeben musste, war immer klar, dass jener Tredes wackelt. Schliesslich holte sie auf ihrer Liste den dritten Platz, hinter Regula Rytz und Christine Häsler, die als Parteipräsidentin beziehungsweise Ständeratskandidatin einen Bonus hatten.

Allein damit sei ihr grosser Rückstand auf Rytz und Häsler aber nicht zu erklären, räumt Trede ein. Wer sich wie sie für Grundrechte einsetze und etwa gegen das Hooligan-Konkordat gekämpft habe, riskiere Stimmverluste – weshalb viele rote und grüne Politiker davon die Finger liessen. «Ich habe meine Seele nie verkauft – aber vielleicht habe ich jetzt dafür die Quittung erhalten.»

Nun habe sie mehr Zeit für ihren dreieinhalbjährigen Sohn – das ist alles, was am Tag danach klar ist. «Bald machen wir Ferien, dann werde ich mich nach einer Stelle umsehen.»

Die Umweltwissenschafterin, die als VCS-Kampagnenleiterin arbeitete, bis sie Ende 2012 in den Nationalrat nachrutschte, kann sich etwa Jobs im Bereich Umwelt oder Verkehrsplanung vorstellen. «Und ich hätte Lust, mich in Kommunikation oder Campaigning weiterzubilden.» Den staatlichen Überbrückungsfonds für Abgewählte werde sie jedenfalls so wenig belasten wie die Arbeitslosenkasse.

Ob sie jemals ein politisches Comeback gibt, weiss Trede noch nicht. «Im Moment habe ich null Bock auf Wahlkampf. Aber ich werde immer eine Grüne sein, und man kann sich auch auf der Strasse engagieren.»

Dass im Aargau, in Genf und in Basel «tolle junge Grüne» gewählt worden seien, mit denen die Fraktion trotz Verlusten schlagkräftig bleibe, freut Trede – und schmerzt sie gleichzeitig am meisten: «Ich wäre so gern ein Teil dieses Teams.» Es ist nicht der einzige Moment, in dem sie mit den Tränen kämpft.

Zugpferd Graffenried fehlte

Auch Blaise Kropf, bis vor einem halben Jahr Präsident der Grünen, und die neue Co-Präsidentin Natalie Imboden lecken am Tag nach den Wahlen ihre Wunden. «Unser Ergebnis ist ernüchternd», sagt Kropf, «und ich bedaure die Abwahl von Aline sehr.» Man habe schlicht zu wenig Listenstimmen geholt, was der Performance der Kantonalpartei in den letzten Monaten nicht gerecht werde – «aber der nationale Trend war stärker».

Kropf und Imboden betonen, dass man ursprünglich mit Rytz, Trede sowie Alec von Graffenried drei Bisherige ins Rennen schickte – bevor sich Letzterer nach der Nomination zurückzog. «Neben den drei Städtern wollten wir mit Christine Häsler jemanden vom Land in eine gute Nachrutschposition bringen», so Imboden.

Der Entscheid, Häsler für den Ständerat zu nominieren, sei deshalb richtig gewesen – zumal diese laut Kropf im Oberland «schlicht sensationell» abgeschnitten und der Partei neue Stimmen gebracht habe. Doch auch in den Städten, wo die Grünen laut Imboden «ein Mobilisierungsproblem» hatten, schnitt Häsler gut ab.

Ein von Graffenried ist Häsler zwar nicht – aber mehrheitsfähiger als Trede allemal.

Berner Zeitung

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