2019-07-12 07:47

Bretter, bohren, bauen – und zur Krönung ein wenig Lagerstimmung

Was kommt raus, wenn man Kindern etwas zutraut? Ein Hüttendorf in Konolfingen zum Beispiel.

Büez zum Ferienauftakt: In Konolfingen haben Kinder und Jugendliche eine Woche lang an einem Hüttendorf gebaut.

Büez zum Ferienauftakt: In Konolfingen haben Kinder und Jugendliche eine Woche lang an einem Hüttendorf gebaut.

(Bild: Christian Pfander)

«Isch guet, i häbes.» Raffael, 8 Jahre alt, Hut und etwas schüchtern, drückt die Türangel mit seinen kleinen Fingern gegen den Holzrahmen. Und Leandro, ebenfalls 8, auch mit Hut, setzt den Akku-Schrauber an – überhaupt nicht schüchtern. Die Sache sieht wacklig aus und würde manchen Eltern beim Anblick wohl den Schweiss auf die Stirn treiben. Aber sie funktioniert, und die Schraube sitzt. Wenig später hat die Holzhütte eine Tür samt Schild, auf dem steht: «Houet ab». Geschafft haben sie das ganz allein. Fast jedenfalls.

Konolfingen zum Ferienauftakt. Auf dem Rasen bei der Fischzucht am Dorfrand riecht es nach frischem Holz. Akku-Schrauber rattern, eine Säge kreischt; es sind die letzten Arbeitsschritte. 38 Mädchen und Jungen aus der Region haben in den letzten Tagen ihr eigenes Dorf gebaut. Unterstützt wurden sie dabei von 9 Oberstufenschülerinnen und -schülern im Rahmen einer Ferienaktion der Kinder- und Jugendfachstelle (KiJu) Konolfingen. Die Erwachsenen hielten sich im Hintergrund, sie kochten Mittagessen und standen bereit, wenn die Kinder bei einem Arbeitsschritt Hilfe benötigten.

«Cha die öpper näh?»

Mit seiner Holzfällerpostur passt Carsten Pohl hervorragend in die Szenerie. Der Hüne mit dem mächtigen Bart arbeitet seit elf Jahren bei der KiJu und hatte die Idee für das Hüttenprojekt. Ziel der Aktion ist es laut Pohl, Kindern Raum und Zeit zu geben für Ungewohntes. Jede Generation wächst anders auf als die vorangehende. Oder in Pohls Worten: «Wir wurden noch am Bach gross.» Die Bretter, der Bohrer, das Bauen, sie sind eine bewusste Alternative zu Bildschirm und Smartphone. Die Kinder sollen zusammenarbeiten, ihre Fantasie benutzen – und ja, auch mal etwas tun, was unserer heutigen Sicherheitsgesellschaft nicht ganz geheuer scheine.

Dazu gehört wohl auch: Klettern mit Säge. So wie es der Junge nebenan gerade tut. Mit einer Hand hält er sich an den Sprossen einer schmalen Leiter, in der anderen baumelt das Werkzeug. Auf halbem Weg brüllt er: «Cha die öpper näh?» Ein Kollege auf dem Dach nimmt ihm das Ding ab. Dann verpasst er dem Geländer den letzten Schliff. Zusammenarbeit eben.

Neun kleine Bauten. Manche haben ein Flachdach, andere zwei Stockwerke oder eine Brücke auf den angrenzende Hügel. Am Donnerstag übernachten die Kinder in «ihrem» Dorf, und während die einen noch Geländerbalken sägen oder Türen montieren, wischen andere ihre Hütten sauber, breiten Matten aus und schmeissen Schlafsäcke auf die fertigen Holzbetten. Lagerstimmung.

Naturtalente

Wie viel Holz die Kinder in dieser Woche verbaut haben? So genau weiss es niemand. Allein für die Böden waren hundert Schaltafeln nötig. Ermöglicht haben dies Sponsoren, die das Material zur Verfügung gestellt haben – oder, wie in Florian Schneiders Fall, eine Ferienwoche. Der Zimmermann aus Biglen hat die Aktion begleitet: «Einige Modis und Giele sind echte Naturtalente», sagt er, auch auf einem Dach stehend, und lacht breit.

Die KiJu koordiniert die offene Kinder- und Jugendarbeit in dreizehn Gemeinden in und um Konolfingen. Eine Arbeit, die zunehmend anspruchsvoller wird. Auch weil Kinder viel beschäftigte Menschen sind, neben der Schule oft Sport treiben, ein Instrument spielen. Das Hüttendorf ist als Teil eines regionalen Ferienpasses eine Ergänzung dieser Angebote, soll aber auch arbeitende Eltern während der Schulferien entlasten.

Am Abend wird es vermutlich regnen. Die Plastikblachen liegen bereit. Feucht dürfte es in den Hütten trotzdem werden – aber Kindern, die mit Sägen auf Hausdächer klettern, die halten auch etwas Nässe gewiss aus.

Berner Zeitung