2017-07-24 17:47

Berner Immobilienfirma im Visier der Kapitalismusgegner

In der Nacht auf Sonntag haben Vandalen das Schaufenster der ehemaligen Pizzeria Nordring verunstaltet. Die Racheaktion ist der Tiefpunkt einer langen und verzwickten Geschichte.

Die Vandalen hielten ihr Werk für die Online-Community auf Facebook fest.

Die Vandalen hielten ihr Werk für die Online-Community auf Facebook fest.

(Bild: facebook/raumraub)

Im Schaufenster der Liegenschaft Schulweg 2 steht ein grosses Schild mit einer Frage darauf: «Zu vermieten – Ihre Idee?». Es folgen die Kontaktdaten der Casa GU AG, der Vermieterin der Liegenschaft.

In der Nacht auf Sonntag gaben Unbekannte nun auf unkonventionelle Art und Weise Antwort. «Dönerbude?», sprayten die Vandalen in schwarzer Schrift quer über die halbe Fensterfront. Auch das zweite Schaufenster wurde versprayt. Ausserdem warfen die Chaoten ein Parkverbotsschild mitten durch die Fensterscheibe.

Vandalenakte sind in der Lorraine keine Seltenheit. Und doch steckt hinter der Aktion eine besondere Geschichte. Im Zentrum stehen das Recht auf Eigentum, das Schicksal einer Familie und die Aufwertung eines ganzen Quartiers.

Eine Pizzeria ohne Bewilligung

Es beginnt im Jahr 2003. Die Casa GU AG hat für das Gewerbelokal am Schulweg 2 einen neuen Mieter gefunden. Dieser will am Standort eine Zweigstelle einer regionalen Bäckerei aufbauen. Aber dazu kommt es nicht.

Innerhalb eines halben Jahres wechselt der Mietvertrag zweimal ohne Einverständnis der Vermieterin den Besitzer und landet schliesslich bei der Familie Kürekci. Diese macht aus dem Lokal eine Pizzeria mit Kebabangebot. Eine Bewilligung für diese Umnutzung liegt nicht vor. Das Bauinspektorat der Stadt Bern schliesst den Imbissstand deshalb Ende 2003 vorübergehend.

Vielleicht hätte das turbulente Mietverhältnis zu diesem Zeitpunkt zum Wohle aller Beteiligten bereits ein Ende finden sollen. Aber das Gegenteil war der Fall. Hüsein Kürekci und die Casa GU AG handelten einen neuen Vertrag aus, befristet auf zehn Jahre.

Die Lorraine wird plötzlich hip

In den folgenden 10 Jahren tat sich Erstaunliches. Aus der verschlafenen Lorraine wurde innert kürzester Zeit ein Trendquartier. Entsprechend der Umgebung entwickelte sich auch der Laden der Kürekcis. Zu den Essenszeiten war das Lokal regelmässig voll, die Familie baute sich im Quartier eine treue Stammkundschaft auf.

Ohne Nebengeräusche verlief die Zeit aber nicht. Wieder wurde der Laden zweimal überschrieben, allerdings beide Male innerhalb der Familie Kürekci. Es gab Diskussionen wegen der Ladenöffnungszeiten am Sonntag. Und dann waren da noch die «Geruchsemissionen».

Im Mai 2014 teilte die Casa GU AG den Kürekcis mit, dass sich mehrere Mieter wegen des Geruchs des Kebabladens beschwert hätten. Der Mietvertrag werde deshalb Ende 2014 nicht mehr verlängert.

Zeitgleich mussten auch die Wohngemeinschaften in den Stockwerken darüber zwecks Renovierung weichen. Betreffend der neuen Mieterschaft hatte die Casa GU AG klare Vorstellungen: keine Wohngemeinschaften mehr. Die Mietzinse der 2,5- bis 4,5-Zimmerwohnungen bewegten sich nun zwischen 2000 und 3000 Franken.

Petition half nichts

Ein klarer Fall von Gentrifizierung, schrien die Kritiker. Diese Stimmen wurden aber erst Ende 2015 laut. Damals machte diese Zeitung den Mieterwechsel publik, sowie dass die Kürekcis das Lokal am Schulweg 2 bald verlassen müssen. Im Gegensatz zu den Wohngemeinschaften gewährte die Casa GU AG der Pizzeria Nordring nämlich eine Galgenfrist. «Unpräjudiziell und in keiner Anerkennung einer Rechtspflicht», wie sie heute mitteilt, wurde der Vertrag Ende 2014 um zweieinhalb Jahre verlängert.

Den Aufschrei im Quartier konnte dieses Entgegenkommen aber nicht verhindern. Links-grüne Kreise instrumentalisierten den «Rauswurf» Tage darauf an einer Demo, der Quartierverein «Läbigi Lorraine» startete sogar eine Petition gegen die Schliessung des Familienlokals. Im Frühling 2016 reichten sie bei der Casa GU AG 1107 Unterschriften ein.

Aber Franz Meier, Geschäftsführer der Casa GU AG und zugleich Eigentümer der Liegenschaft am Schulweg 2, liess sich nicht mehr umstimmen. Er hatte seine Entscheidung getroffen. «Auf unser Gesprächsangebot ging er gar nicht erst ein», sagt Catherine Weber, die dem Komitee «Pizzeria Nordring soll bleiben» vorstand. Die Casa GU AG teilt mit, dass sie der Familie Kürekci stattdessen ihre Hilfe bei der Suche nach einem neuen Lokal anbot. Aber diese seien auf das Angebot nicht eingegangen.

Ende Juni 2017 kam somit, was kommen musste. Die Familie Kürekci musste nach 14 Jahren ihr Geschäft am Schulweg 2 verlassen. Das Lokal wurde leer geräumt, die Vermietungsschilder an die Schaufenster angebracht. Was dann folgte, ist derzeit typisch Bern.

Aufruf zu Widerstand auf Facebook

Die Facebook-Gruppe «Raumraub» erlangte im Februar dieses Jahres unrühmliche Bekanntheit. Damals machten sie für die gewaltsamen Demonstrationen mobil, die im Zuge der Räumung der Hausbesetzung an der Effingerstrasse Bern erschütterten.

Am Sonntagmorgen postete dieselbe Gruppe auf Facebook nun eine Mitteilung samt Bild des verwüsteten ehemaligen Dönerladens. Sie werfen der Casa GU AG darin vor «mit dem Rauswurf» die Lebensgrundlage einer ganzen Familie angegriffen zu haben. Und dies allein, um mehr Profit zu machen.

Es folgen Aufrufe zum Widerstand, wie sie in der linksautonomen Szene gang und gäbe sind («Die Häuser denen, die drin wohnen/arbeiten!»; «Gentrifizierung aktiv bekämpfen!»). Von der komplexen Vorgeschichte steht kein Wort.

Es gibt nur Verlierer

Während Berns Kapitalismusgegner auf Facebook den Widerstand zelebrieren, kennt die Geschichte bei den Direktbetroffenen nur Verlierer. Liegenschaftsbesitzer Franz Meier hat mittlerweile Anzeige erstattet. Die Familie Kürekci ist noch immer auf der Suche nach einem neuen Lokal. Und das trendige Lorrainequartier ist seit Sonntag um einen Vandalenakt reicher.

Berner Zeitung