2017-10-19 10:48

Durch die Welt für Judenretter Carl Lutz

Münchenbuchsee

Agnes Hirschi engagiert sich weltweit für die Würdigung des Schweizer Judenretters Carl Lutz, der ihr Ziehvater war. Die Ex-Journalistin ist Teil einer Ausstellung über die letzten Holocaustüberlebenden.

In der Hand das Glas, das sie als Sechsjährige in der Brandruine des Hauses Lutz fand: Agnes Hirschi.

In der Hand das Glas, das sie als Sechsjährige in der Brandruine des Hauses Lutz fand: Agnes Hirschi.

(Bild: Nicole Philipp)

Sofort steuert Agnes Hirschi (79) in ihrer Wohnung in Münchenbuchsee auf die gläserne Vitrine zu, in der unzählige kleine Erinnerungsobjekte liegen. Sie greift ein Stück heraus, man erkennt Stiel und Kelch, aber es ist grauschwarz und deformiert, als wäre es von einem Vulkan ausgeworfen worden. «Das war eines unserer Kristallgläser», bestätigt Hirschi, «ich fand es im Winter 1945, als ich in Budapest als Kind in den Überresten des zerbombten Hauses der Familie Lutz wühlte.»

Agnes Hirschi, 1938 als Agi Gausz in London in eine jüdisch-ungarische Familie geboren, verbrachte ihre Kindheit in Budapest. Im Sommer 1944, als die sechsjährige Agi, da britischer Nationalität, hätte deportiert werden sollen, sprach ihre Mutter Magda beim Schweizer Diplomaten Carl Lutz vor. Um Mutter und Kind zu schützen, engagierte er Magda als Hausdame.

Integration zuerst

Die letzten beiden Kriegsmonate bis Februar 1945 verbrachten Mutter und Tochter Gausz zusammen mit der Familie Lutz im Schutzkeller der englischen Gesandtschaft. Über ihren Köpfen zerstörten nazideutsche Fliegertruppen die Residenz.

Agnes Hirschi, ausgestattet mit einem beneidenswerten Gedächtnis, erinnert sich genau an die klammen Wochen, während deren die Erwachsenen viel Zeit hatten, den Schrecken von ihr fernzuhalten. Sie sieht die zusammengeschobenen, mit grünem Samt bezogenen Fauteuils, auf denen sie schlief, noch heute vor sich.

«Ich war ­privilegiert.»Agnes Hirschi

Trotzdem sagt Agnes Hirschi: «Ich war privilegiert.» Sie und ­ihre Mutter liefen in der Residenz keine Gefahr mehr, in ein Konzentrationslager deportiert zu werden. Aber über Vizekonsul Lutz waren sie eng mit dem ­Drama des Holocaust verbunden. Lutz machte es sich zur Aufgabe, ungarischen Juden, die nach ­Palästina auswandern wollten, Schutzbriefe auszustellen.

Die Nazis gestanden ihm ein Kontingent von 8000 Personen zu. Aber der gewissenhafte Beamte und gläubige Methodist wagte es, unterstützt von vielen Helfern, die Ausreisewilligen in Kollektivpässe einzutragen. Zehntausende ungarische Juden wurden gerettet. Es war die grösste private Rettungsaktion für Juden während des Zweiten Weltkriegs.

Gleichzeitig verliebte sich Lutz in Magda Gausz. Nach dem Krieg heirateten sie, und Lutz übernahm die Vaterrolle für Agi. Die Familie zog nach Bern, wo Agnes, wie sie sich jetzt nannte, sich «voll darauf konzentrierte, mich zu integrieren». Sie schloss eine Handelsausbildung ab, gründete ihre Familie und stieg in den Journalismus ein.

Als hartnäckige, resolute Lokalberichterstatterin für diese Zeitung, namentlich aus dem Raum Zollikofen-Münchenbuchsee-Moosseedorf, machte sich Hirschi einen Namen. Daneben wirkte sie als Kreisrichterin in Fraubrunnen. «Ich war voll ausgelastet», sagt sie. Ihre Geschichte und ihre Kriegserlebnisse verdrängte sie.

Unermüdlich auf Achse

1975 hatte sie Carl Lutz auf dem Sterbebett das Versprechen gegeben, sein geistiges Erbe weiterzutragen. Lutz starb schwer enttäuscht, weil die Schweiz ihn nie als humanitären Wohltäter gewürdigt, sondern wegen Kompetenzüberschreitung gerügt hatte. Erst nach ihrer Pensionierung erlaubte sich Hirschi, sich ernsthaft mit ihm und ihrer Vergangenheit zu beschäftigen.

«Darüber zu reden und mich selber zum Thema zu machen, dazu musste ich mich überwinden», sagt sie. Es fällt ihr nicht leicht, sich etwa mit Bild für die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors», ab heute im Kornhausforum Bern, zur Verfügung zu stellen.

Aber ihrer Rolle als Vertreterin der letzten Generation, die den Holocaust erlebt hat, ist sie sich sehr bewusst. Ihr Engagement für die nachträgliche Würdigung ihres Vaters Carl, das in den USA, in Israel und Ungarn schneller Früchte trug als in der Schweiz, versteht sie als Botschaft an jüngere Generationen, die Erinnerung an den Schrecken des Holocaust und den Sinn gelebter Zi­vilcourage wachzuhalten. Freude hat Hirschi an zwei jungen Romands, die nun für Lutz eine ­ehrende Verewigung im Bundeshaus anstreben.

Hirschi könnte man als Weltreisende in der Causa Lutz bezeichnen. Sie tritt auf in Buenos Aires, in Washington, in Yad Vashem bei Jerusalem, in Budapest. Sie referiert auf Deutsch, Englisch, Ungarisch, Französisch. Im November erscheint das Buch «Under Swiss Protection», in dem sie mit der kanadischen ­Holocaustprofessorin Charlotte Schallié Zeugnisse ungarischer Holocaustüberlebender aus aller Welt dokumentiert.

Agnes Hirschi ist «voll ausgelastet». Wie immer. Und nicht zu bremsen.

Ausstellung: The Last Swiss Holocaust Survivors. Kornhausforum Bern. Bis 25. November.

Berner Zeitung