2018-11-25 12:21

Die Krux mit der Kollekte

Nun singen und sammeln sie wieder. Nicht nur bei Heilsarmee und Kirche gibt es die Kollekte, auch Kulturveranstalter setzen darauf. Die Sache hat einen Haken.

Ein Zehnernötli, ein Fünfliber oder doch nur Kleingeld? Besucher kultureller Anlässe sind bei Kollekten oft überfordert und haben Mühe, den Preis selber zu bestimmen.

Ein Zehnernötli, ein Fünfliber oder doch nur Kleingeld? Besucher kultureller Anlässe sind bei Kollekten oft überfordert und haben Mühe, den Preis selber zu bestimmen.

(Bild: Max Spring)

Verdienen Sie gut? Oder sind Sie arm? Jetzt ist die Stunde der Wahrheit gekommen, denn vor Ihnen steht der Hut mit der Kollekte. Gut sichtbar liegen Zehner- und Zwanzigernötli drin. Wagen Sie es, nur Kleingeld reinzuwerfen? Oder gehören Sie zu der Sorte Mensch, die sich lieber daran orientiert, was die anderen gegeben haben? 

«Es scheint da ein Missverständnis zu geben», sagt Rahel Bucher. «Für die Leute bedeutet eine Veranstaltung mit Kollekte oft, dass sie gratis oder anderweitig finanziert sei.» Doch das stimme eben nicht. Rahel Bucher ist Mitbegründerin der Heitere Fahne, des Kulturlokals von Leuten mit und ohne Behinderungen. Den Veranstaltungsort in Wabern gibt es seit fünf Jahren, und er funktioniert mehrheitlich über Kollekte – aus Prinzip. «Die Leute sollen darüber nachdenken, was ihnen eine Veranstaltung wert ist», sagt sie.

Allerdings hat sie festgestellt, dass viele damit überfordert seien, selber den Preis zu bestimmen. «Nicht, weil sie nichts geben wollen. Aber sie wissen gar nicht, was Kollekte eigentlich bedeutet.» Kollekte bedeute, dass sich der Anlass durch den Eintritt finanzieren lasse und dass das Solidaritätsprinzip lebe – gegenüber den Künstlern, den Veranstaltern und auch den Besuchern, die sich einen teuren Eintritt gar nicht leisten könnten.

«Wer mehr hat, gibt mehr»

Deshalb gibt die Heitere Fahne Starthilfe. Auf einem Flyer sind die Rahmenbedingungen formuliert. Grundsatz: «Wer mehr hat, gibt mehr. Wer wenig hat, gibt wenig. Wer nichts hat, kommt trotzdem rein.» Zudem wird am Anfang der Veranstaltung das Prinzip erklärt. «Meistens geht es auf», sagt Bucher. Lasse man aber diese persönliche Einführung in das Hutgeld mal aus, gebe es weniger Ertrag, und das könne schon mal unangenehm werden, wenn bei vollem Haus verhältnismässig wenig reinkomme.

Auch andere Kulturanbieter setzen ganz auf Kollekte, das Prinzip, das ja ursprünglich für die Sammlung von Bargeld beim Gottesdienst steht. Und dort einer Spende entspricht. Doch den Kulturbetrieben geht es nicht um eine Spende. Zum Beispiel dem Zirkus Chnopf, der am Ende der jeweiligen Vorstellung einen Richtpreis durchgibt, der keinesfalls nur als Almosen zu sehen ist: 25 Franken für Erwachsene.

Auch Roadmovie, das rollende Kino, das jeden Herbst kinolose Gemeinden in der ganzen Schweiz besucht, setzt auf Kollekte. «Wir sagen jeweils, man solle sich am Preis orientieren, den man normalerweise für einen Kinoeintritt zahlen würde», sagt Geschäftsleiterin Alva Hagner. Damit habe man gute Erfahrungen gemacht. «Wir setzen den Betrag absichtlich etwas hoch an, weil die meisten dann trotzdem noch abrunden.»

Eintritt frei – Kollekte

Genau hier liegt das Problem. Wird eine Veranstaltung mit «Eintritt frei – Kollekte» angepriesen, ist das Publikum nicht darauf eingestellt, dass es gleich viel zahlen soll wie an einer Veranstaltung mit offiziellen Preisen. Auch wenn das die Erwartung des Anbieters ist. Zu diesen Ergebnissen kommt auch die Forschung. Über Kollekten gibt es zwar keine Studien, wohl aber über das Prinzip von «Pay What You Want» oder kurz PWYW. Dieses «Bezahl, so viel du willst»-Prinzip ist nicht viel anderes als ein Anglizismus für die gute alte Kollekte.

«Für die Leute bedeutet eine Veranstaltung mit Kollekte oft, dass der Anlass gratis oder anderweitig finanziert sei.»Rahel Bucher, Mitbegründerin Heitere Fahne

Wenn es bei Tierparks, Museen oder Kinos mit Kollekten nicht klappe, liege es meistens an der falschen Kommunikation, hat Marcus Kunter herausgefunden. Er ist Professor für quantitative Methoden und Marketing an der Europäischen Fachhochschule Brühl und beschäftigt sich mit aussergewöhnlichen Preismodellen. «Eintritt frei oder freiwillig ist nicht die Idee von PWYW», sagt er in einem Interview. Der Kunde könne lediglich den Preis selber bestimmen. Die vielleicht wichtigste Erkenntnis aus diesen Studien ist aber: Bei Kollektensystemen spielen für die Konsumentinnen und Konsumenten nicht nur ökonomische Interessen eine Rolle, sondern auch soziale Erwägungen. Und sei es eben, dass bei einem Hut, der persönlich rumgetragen wird, jeder sieht, wer wie viel in die Kollekte gibt.

Und: Am besten klappt dieses System, wenn die gekaufte Dienstleistung oder das ge­kaufte Gut unbeschränkt zur Verfügung steht. Zum Beispiel bei digitalen Angeboten. Amerikanische Podcasts wie «This American Life» bieten ihre Hörserien zum Kollektentarif an. Jeder kann so viel geben, wie er möchte. Die Podcasts können also auch von Personen gehört werden, die dafür wenig oder nichts bezahlen. Dafür gibt es allgemein mehr Hörer und auch mehr Einkünfte. Ein zweites Beispiel ist der Zoo im deutschen Münster, der für eine Studie von Professor Kunter in den schlecht besuchten Wintertagen zum Kollektenansatz die Türen öffnete. Das Resultat: Der einzelne Zoobesucher zahlte im Durchschnitt zwar nur knapp ein Drittel des normalen Eintrittspreises, weil aber fünfmal mehr Besucher als sonst in dieser Zeit kamen, stiegen die Einnahmen des Zoos trotzdem an.

Nur, bei Konzerten in einem fixen Rahmen wie in der Heitere Fahne in Wabern gibt es diesen unbeschränkten Zugang nicht. Und darum ist das Kulturhaus auf zahlende Gäste angewiesen. Vor ein paar Wochen hat die Heitere Fahne darum erstmals einen Richtpreis durchgegeben. Auf dem Programm stand ein Konzert von Musiker Simon Ho. «Wir konnten ihm im Vorfeld keinen fixen Preis garantieren, das machte uns Bauchweh», erklärt Rahel Bucher. Also entschloss man sich für einen Richtpreis von 30 Franken. «Mir war es fast unangenehm, als ich bei meiner Ansprache auf den Richtpreis hinwies», sagt Bucher. Doch die Rückmeldungen erstaunten sie: «Mehrere sagten, sie seien froh, dass sie nun mal einen Anhaltspunkt hätten, wie viel sie geben sollten.»

Kollekte fürs Fünfgangmenü

Überfordert uns ein Bezahlsystem wie die Kollekte einfach? Erfahrungen in diesem Gebiet haben auch Gastronom Michelangelo Bucolo und Unternehmer Markus Mettler. Die beiden beweisen, dass Kollekten nicht nur als linke Projekte weggetan werden können. Bucolo, der momentan als Pizzaiolo arbeitet, öffnete nach seinem Abgang von der Hotelfachschule in Thun 2016 für einen Monat in Bern das Pop-up-Restaurant 4 Ragazzi mit drei anderen Schulabgängern.

«Unser Motto lautete: ‹Wir tischen auf. Du bestimmst, was es dir wert ist.›» Es gab jeden Abend ein Fünfgangmenü mit Getränken, die Gäste konnten den Preis selber bestimmen. Und die Erfahrungen? «Wir waren mit dem Resultat sehr zufrieden. Es gab viel mehr Gäste, die einen Franken mehr als nötig liegen liessen, als solche, die einen weniger ausgaben.» Trotzdem war nach einem Monat wie geplant Schluss mit dem Projekt. «Ich sehe diese Idee in der Gastronomie eher als punktuelle Marketingstrategie denn als fixes Konzept. Zudem zahlten die Gäste beim zweiten und beim dritten Besuch tendenziell weniger als beim ersten.»

Kollekte für die Idee

Markus Mettler ist Unternehmer in Biel und Gründer des Brain­store-Netzwerkes. Brainstore verkauft Ideen. Seit 2011 setzt er voll auf PWYW. «Ich würde nie zurückwollen», sagt er. Alle seine Kunden, das sind zum Teil auch Städte oder andere Firmen, machen die Preise selbst. Allerdings nimmt Mettler auch Einfluss. «Je nach Preis, den jemand gewillt ist zu bezahlen, passe ich meinen Leistungsumfang an.» Und manchmal müsse er halt auch hart sein und sagen: «Sorry, ich kann es mir nicht mehr leisten, mit euch zusammenzuarbeiten». Er ist überzeugt davon, dass PWYW funktioniere, solange man auf Käufer- und Verkäuferseite ein Gleichgewicht habe. Und man längerfristig zusammenarbeite. «Als Bestatter würde ich niemals nach diesem System arbeiten, die Leute kommen ja nur einmal zu dir», sagt er.

Er ist auch skeptisch, ob Kollekten losgelöst von freiwilligen Spenden im Kulturbereich funktionieren. «Als Anbieter müsstest du etwas in der Hand haben. Wenn ein Besucher zum Beispiel beim letzten Konzert nur einen kleinen Beitrag gegeben hat, dann würde er beim nächsten Konzert nur in die hinterste Reihe kommen; wenn ein Besucher sehr gut bezahlt, gibt es einen Platz auf der Gästeliste. PWYW funktioniert nur, wenn es eine Rückkoppelung gibt.»

Zurück in der Heiteren Fahne. Wäre es nicht viel leichter, fixe Preise zu machen? Vielleicht, meint Rahel Bucher. Aber der Heitere Fahne gehe es um etwas anderes: «Die Leute sollen selber überlegen, was ihnen Kultur wert ist.» 

Und, wie viel würden Siegeben?

Kennen Sie Orte, wo man mit Kollekte zahlt? Wie viel geben Sie, und was halten Sie davon? Teilen Sie uns Ihre Erfahrungen mit auf redaktion@bernerzeitung.ch, Stichwort: «Kollekte».

Berner Zeitung