2018-05-07 06:08

«Es sind wirklich gute Vögel dabei»

Burgdorf

Die Musikschule Region Burgdorf feierte ihr 50-Jahr-Jubiläum mit einem aussergewöhnlichen Konzert. Rund fünfzig Laienmusiker und Radfahrer wirkten gestern bei einem etwas anderen Flashmob mit.

Pfeifend, singend und ­klingelnd durch die Oberstadt: Wer gestern diesen Velofahrern ­begegnete, mag sich gewundert haben

Pfeifend, singend und ­klingelnd durch die Oberstadt: Wer gestern diesen Velofahrern ­begegnete, mag sich gewundert haben

(Bild: Daniel Fuchs)

  • Tamara Graf

Gestern Sonntag staunte mancher Stadtbesucher nicht schlecht über eine Gruppe Velofahrer, die geräuschvoll durch die Burgdorfer Oberstadt kurvte. Die Musikschule Region Burgdorf veranstaltete ein aussergewöhnliches Happening. «Wir feiern unser 50-Jahr-Jubiläum und möchten mit dieser musikalischen Aktion auf uns aufmerksam machen», sagt die Assistentin der Schulleitung, Gina Burkhalter. In weniger als einer Stunde sollen Interessierte das Stück «Eine Brise» von Mauricio Kagel einstudieren. Dazu suchten die Organisatoren 111 Radfahrerinnen und Radfahrer. Die vielen Fahrradklingeln, die nach der ­Begrüssung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch die Mauer der Gebrüder-Schnell-Terrasse schmückten, deuten darauf hin, dass dieses Ziel nicht ganz erreicht wurde.

Pfeifen will gelernt sein

«Wir haben einheitliche Klingeln angeschafft, damit der Klang homogen ist», erklärt Bereichsschulleiter Andreas Ramseier. Denn es handle sich um eine absolut ernst gemeinte Partitur. Die rund fünfzig Velofahrer haben in der Zwischenzeit ein solches Musikinstrument an ihren Fahrrädern montiert. Besonders die Kinder freuen sich darüber und testen bereits ausgiebig die Funktion der neuen Klingel.

Glänzende Fahrradklingeln: Auf der Brüder-Schnell-Terrasse durften die Teilnehmer ein unkonventionelles Musikinstrument in Empfang nehmen. Foto: Daniel Fuchs.

Doch bevor sie sich aufs Fahrrad schwingen können, muss das Musikstück geübt werden. Nebst Gesangstönen, Windgeräuschen und Flattertönen ist auch das Pfeifen ein wichtiger Bestandteil von «Eine Brise». Damit der Flashmob hier die Töne treffen wird, engagierte die Musikschule einen Experten: den Grosspfeifmeister Rainer Blumenau. In einem halbstündigen Workshop schult er die Laien in der Kunst des Pfeifens.

Zu Beginn offeriert er den Teilnehmerinnen und Teilnehmern ein Fläschchen Wasser. «Wir müssen die Lippen feucht halten, das gibt einen schöneren Klang», erklärt er. Pfeifend bilden seine Schüler auf Geheiss einen grossen Kreis. Danach gilt es ernst: Konzentriert wird die Tonleiter gepfiffen, wobei Blumenau in der Kreismitte die Einsätze dirigiert und auch in Sachen Lautstärke und Geschwindigkeit variiert. Nachdem die Fähigkeiten gefestigt sind, fragt Blumenau: «Wer kennt einen Kanon?» Während sich eine Gruppe für das Lied «Abendstille» entscheidet, sind andere froh, dass sie bei dem etwas eingängigeren «Bruder Jakob» mitpfeifen können. Insgesamt vier Kanons werden einstudiert. Und Rainer Blumenau freut sich: «Es sind wirklich gute Vögel dabei.»

Schrille Töne sind gewollt

Nach dem Workshop werden die Laienmusiker von Hauptschulleiter Armin Bachmann auf das geplante Musikstück vorbereitet. Pfeiftöne, Gesangstöne und die ungewohnten Flattertöne werden einstudiert. «Bei den Gesangstönen müsst ihr jedoch euren Wohlfühlbereich verlassen», sagt Bachmann. Die Töne sollen entweder sehr hoch oder sehr tief sein. Dass bei den doch eher ungewöhnlichen Klängen in der Nähe der Musikschule einige Passanten etwas die Stirn runzeln, kann man durchaus nachvoll­ziehen. Doch Bachmann ist zufrieden mit seinen Schülern: «Um 15.04 Uhr fährt der Bus vorbei, danach können wir starten.»

Einmal pfeifen, bitte: Gina Burk­halter von der Musikschule. Foto: Daniel Fuchs.

Aufmerksamkeit garantiert

Auf der Strasse haben die Organisatoren mit orangem Spray den Aufstellungsplan markiert, der Mauricio Kagel für «Eine Brise» vorschreibt. Nachdem der Bus vorbeigefahren ist und die Klingeln nochmals intensiv getestet worden sind, positionieren sich die musikalischen Radfahrer jeweils auf einem der Punkte. Die Männer, Frauen und Kinder bilden Zweier- und Dreierreihen, manche sind einzeln unterwegs. Die Regieanweisung gibt vor, dass alle Musiker derselben Reihe jeweils dieselbe Aktion durchführen: also zum Beispiel pfeifen oder singen oder klingeln.

Und so startet der laute Tross – angeführt von Armin Bachmann – seine Route durch die Oberstadt: vom Kronenplatz zum Stalden­kehr in die Mühlegasse, auf die Lyssachstrasse und über den Oberstadtweg zurück zum Kronenplatz und in die Schmiedengasse. Vor allem dank den etwas verrückt klingenden Singlauten, die man noch weit entfernt hört, ist der Musikschule Region Burgdorf die volle Aufmerksamkeit der Stadtbesucher garantiert.

Berner Zeitung