2016-08-29 08:42

Die Einwohner von Ausserholligen rücken gerne näher zusammen

Ausserholligen

Wertet eine verdichtete Siedlung die Nachbarschaft auf oder ab? Und wie kommen solche Projekte generell bei den Anwohnern an? Das Beispiel Ausserholligen zeigt: Verdichtung kann auch Chance sein.

Flache «Leuchttürme»: Die Überbauung Stöckacker Süd ist ein Projekt mit Strahlkraft.

Flache «Leuchttürme»: Die Überbauung Stöckacker Süd ist ein Projekt mit Strahlkraft.

(Bild: Stefan Anderegg)

Leuchttürme sind normalerweise von weitem sichtbar. Die Siedlung Stöckacker Süd im Westen Berns macht da eine Ausnahme. Das «Leuchtturmprojekt» von Immobilien Stadt Bern (ISB) überragt nicht einmal die Häuser der unmittelbaren Nachbarschaft. Und doch setzen die drei Wohnbauten in der Nähe des Europaplatzes laut der städtischen Bauherrschaft neue Massstäbe. «100 der 146 Wohnungen sind bereits vermietet», sagt Marcel Mischler, Bereichsleiter Baumanagement von ISB, zufrieden. Wenn im Juli 2017 der letzte Stein verbaut ist, soll die Siedlung voll sein.

Stöckacker Süd ist ein klassisches Verdichtungsprojekt. Alte Wohnbauten aus den 40er-Jahren wurden abgerissen. Die frei gewordene Fläche in der Folge effizienter – sprich dichter – überbaut. Statt 106 kleiner Wohnungen beherbergt das Areal bald 146 Wohnungen in allen Grössen. Wobei bei der «städtebaulichen Qualität» keine Kompromisse gemacht worden seien, wie Mischler betont. Konkret heisst das, man werde trotz dichter Bauweise dem Nachbarn nicht direkt ins Wohnzimmer schauen können, so Mischler.

Verdrängung und Platznot

Das klingt alles prima. Aber gänzlich unumstritten war das Projekt bei seiner Lancierung 2008 ­dennoch nicht. Zu reden gab im Quartier vor allem, dass güns­tiger Wohnraum verloren ging. «Uns war wichtig, dass die damaligen Bewohner die Möglichkeit hatten, auch in der neuen Siedlung eine Wohnung zu mieten», sagt Beat Meyer, Präsident des Quartierleists Stöckacker. Entsprechend durften die Mieten nur moderat steigen.

«Uns war wichtig, dass die damaligen Bewohner die Möglichkeit hatten, auch in der neuen Siedlung eine Wohnung zu mieten.»Beat Meyer, Quartierleist Stöckacker

Das ist zwar der Fall. Beispiel: Eine 80 Quadratmeter grosse 3-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss kostet inklusive Nebenkosten 1572 Franken. Aber Jahre später zeigt sich: Nur wenige wollen oder können sich den höheren Mietzins leisten. «Die meisten sind aus dem Quartier weggezogen», sagt Meyer. Und zwar weiter Richtung Westen, nach Bümpliz oder Bethlehem.

Auch das Thema Parkplätze gab im Quartier zu reden. Das erstaunt, denn kein einziger Mieter fährt ein Auto. So steht es in den Mietbedingungen von ISB. Ob das aber immer so bleibt, bezweifelt Meyer. «Die blaue Zone bei uns ist jetzt schon überbesetzt. Einige Autos mehr würden bereits zu Komplikationen führen.» Seitens ISB glaubt man, das Konzept werde sich bewähren. «In der Stadt Bern haben weniger als 50 Prozent der Haushalte ein Auto. Und diese Zahl nimmt weiter ab», sagt Mischler. Zudem sei die Gegend rund um den Europaplatz perfekt an den ÖV angebunden.

Einen möglichen Haken gibt es dennoch. Ein Vermieter kann vor Vertragsabschluss durchaus die Bedingung stellen, dass ein Mieter kein Auto haben darf. Aber: Wenn sich der Mieter später ­dennoch ein Auto kauft, ist das kein möglicher Kündigungsgrund. Rechtlich wären dem Vermieter da die Hände gebunden. Allerdings besteht bei der Stadtberner Verwaltung die Weisung, dass keine Dauerparkkarten für die blaue Zone an Mieter der ­Stöckacker-Süd-Siedlung herausgegeben werden.

«Architektonischer Unort»

Den einzelnen Bedenken zum Trotz: «Wir freuen uns auf die neuen Nachbarn», sagt Beat Meyer. Generell sieht er seine Wohngegend in Aufbruchstimmung. Meyer führt beim Neubau am Europaplatz den Pfisternbeck. «Der Standort hat sich als perfekt erwiesen», sagt Meyer. Seine Hoffnung: Das Kleingewerbe, welches wegen der steigenden Mieten aus der Innenstadt vertrieben wird, könnte sich rund um den Europaplatz neu ansiedeln. «Die Fläche unter der Autobahnbrücke hätte dafür viel Potenzial», glaubt Meyer.

Seine Hoffnung kommt nicht von ungefähr. Stadt und Kanton erklärten Ausserholligen Ende 2012 zum Entwicklungsschwerpunkt (ESP) erster Klasse. Und in den Quartieren rund um den Europaplatz blicken viele Einwohner den bevorstehenden ­Veränderungen erwartungsfroh entgegen. Das bestätigt auch Urs Emch, pensionierter Bauingenieur und Vorstandsmitglied des Quartiervereins Holligen-Fischermätteli.

«Ausserholligen ist heute architektonisch betrachtet ein Unort. Überall sind schlecht genutzte Gewerbeareale.»Urs Emch, pensionierter Bauingenieur

«Ausserholligen ist heute architektonisch betrachtet ein Unort. Überall sind schlecht genutzte Gewerbeareale», sagt er. Ein Rundgang rund um den Europaplatz vermittelt tatsächlich ein uneinheitliches Bild. Autobahn, Eisenbahn, Gewerbe, Wohnhäuser, Schrebergärten: ein grosses Sammelsurium, aber keine Einheit. Das kann auch eine Chance sein.

Autobahn als Grenze

Was aus diesem Raum eines Tages werden könnte, zeigt etwa eine Projektstudie der Ortsgruppe Bern vom Schweizerischen Werkbund. Im November 2013 präsentierte er seine «Vision Stadtquartier» für die Gegend rund um den Europaplatz. Ein zentraler Punkt der Studie: der Rückbau der Autobahnzufahrten, welche heute Bern-West vom Rest der Stadt physisch abgrenzen.

Der freie Platz könnte für neue, verdichtete Mischbauten genützt werden. Kurz: Ein neues Zentrum würde entstehen. «Diese Arbeit war eine grossartige Inspiration», sagt Emch. «Auch wenn vieles davon Utopie bleibt, die Rahmenbedingungen im ESP Ausserholligen sind vielversprechend.»

Berner Zeitung