2018-10-02 16:39

VW trennt sich von Audi-Chef-Stadler

Der in U-Haft sitzende Audi-Chef scheidet aus dem Konzern aus. Derweil dürfen Besitzer älterer Diesel-Autos auf Unterstützung hoffen.

Noch sieht es nicht gerade nach freier Fahrt aus für die Diesel-Nachrüstung. Video: Reuters

Volkswagen trennt sich von dem inhaftierten Audi-Chef Rupert Stadler. Der Aufsichtsrat des Mutterkonzerns Volkswagen habe dem Abschluss einer Vereinbarung mit Stadler zur Beendigung seiner Ämter als Mitglied des Vorstands der Volkswagen AG und als Vorstandsvorsitzender von Audi AG sowie seiner Dienstverträge zugestimmt, teilte der Konzern am Dienstag mit. «Herr Stadler scheidet mit sofortiger Wirkung aus den Unternehmen aus und ist nicht mehr für den Volkswagen Konzern tätig.»

Hintergrund sei, dass der beurlaubte Manager wegen seiner andauernden Untersuchungshaft nicht in der Lage sei, seine Aufgaben als Vorstandsmitglied zu erfüllen und sich stattdessen auf seine Verteidigung konzentrieren wolle. Die vertragliche Abwicklung sei an den Verlauf und den Ausgang des Strafverfahrens geknüpft.

«Behinderung der Dieselermittlungen»

Das Kontrollgremium hatte bereits am Freitag über die Personalie beraten, war nach Angaben aus Unternehmenskreisen aber nicht zu einem einhelligen Votum gekommen. Vor allem über die Modalitäten sollte weiter gesprochen werden. Stadlers Vertrag war erst im vergangenen Jahr um fünf Jahre verlängert worden. Deshalb steht eine hohe Abfindung im Raum. Über die Höhe machte Volkswagen keine Angaben.

Ist wegen der Untersuchungshaft nicht in der Lage, seine Aufgaben zu erfüllen: Rupert Stadler, Vorstandsvorsitzender der Audi AG. (Archivbild) Bild: Keystone

Stadler sitzt seit Juli in Untersuchungshaft, weil ihm die Staatsanwaltschaft München Behinderung der Dieselermittlungen vorwirft. Der Audi-Chef soll versucht haben, Zeugen zu beeinflussen, was Stadler bestreitet. Mit seiner Rückkehr auf den Chefposten bei der VW-Tochter und in den Konzernvorstand wird in der Branche auch nach einer möglichen Haftentlassung nicht gerechnet. Audi wird zurzeit kommissarisch von Vertriebschef Bram Schot geführt.

Deutsche Koalition einig über neue Diesel-Angebote

Besitzer älterer Diesel können auf neue Angebote zum Schutz vor Fahrverboten in deutschen Städten hoffen – für umstrittene Motor-Nachrüstungen fehlen aber grundlegende Zusagen der Autobauer. Die Bundesregierung macht deswegen Druck auf die Konzerne, die vollen Kosten dafür zu übernehmen. Solche Umbauten gehören wie neue Kaufprämien für sauberere Wagen zu einem Paket mit zusätzlichen Massnahmen für Regionen mit besonders schmutziger Luft, auf das sich die grosse Koalition nach langem Streit verständigt hat. Davon sollen vorerst Besitzer von bis zu 1,4 Millionen Diesel-Autos profitieren.

Verkehrsminister Andreas Scheuer sprach am Dienstag von einem «Riesenschritt», Einschränkungen der Mobilität zu verhindern. Für Diesel-Fahrer solle es keine zusätzlichen, unangemessenen Belastungen geben. Dies sei sehr wichtig, nachdem es teils Panikmache gegeben habe. Umweltministerin Svenja Schulze äusserte sich überzeugt, dass die Autoindustrie nun die ihr gebotene Chance nutzen werde, um verloren gegangenes Vertrauen in den Diesel zurückzugewinnen.

Der deutsche Verkehrsminister Andreas Scheuer und die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze während einer Medienkonferenz in Berlin. (2. Oktober) Bild: Hannibal Hanschke/Reuters

Vorgesehen sind neue Angebote bezogen auf 14 besonders betroffene Städte mit hohen Grenzwertüberschreitungen bei der Luftbelastung mit Stickstoffdioxid (NO2): München, Stuttgart, Köln, Reutlingen, Düren, Hamburg, Limburg an der Lahn, Düsseldorf, Kiel, Heilbronn, Backnang, Darmstadt, Bochum und Ludwigsburg. Darüber hinaus kommen Städte in Betracht, in denen demnächst Fahrverbote kommen könnten – dies betrifft unter anderem Frankfurt am Main. Einbezogen werden sollen auch Bewohner der angrenzenden Landkreise und beliebig entfernt wohnende Pendler, die in der Stadt arbeiten. Ebenso Selbstständige mit Firmensitz in der Stadt und Fahrzeughalter mit besonderen Härten.

Neue Kaufanreize

Damit mehr schmutzige ältere Diesel von den Strassen kommen, sollen neue Kaufanreize kommen. Laut Bundesregierung haben die deutschen Hersteller zugesagt, für Besitzer von Wagen der Abgasnormen Euro 4 und Euro 5 «ein Tauschprogramm mit attraktiven Umstiegsprämien oder Rabatten» anzubieten. BMW will bis zu 6000 Euro zahlen, Daimler laut Scheuer bis zu 5000 Euro, VW 4000 bis 8000 Euro. Damit solle der «besondere Wertverlust, den Diesel-Fahrzeuge durch die Debatte um deren Schadstoffausstoss erlitten haben, ausgeglichen werden», betont die Koalition. Gekauft werden können Neuwagen und auch Gebrauchte. Auch von den ausländischen Herstellern werden Prämien erwartet.

Für Euro-5-Diesel in den stark belasteten Regionen soll als zweite Möglichkeit der Einbau zusätzlicher Abgasreinigungstechnik am Motor ermöglicht werden. Wenn Besitzer eine solche Hardware-Nachrüstung wollen und Systeme verfügbar sind, erwartet der Bund «vom jeweiligen Automobilhersteller, dass er die Kosten hierfür einschliesslich des Einbaus übernimmt», wie es in dem Koalitionsbeschluss heisst. Die Haftung sollen die Nachrüstfirmen übernehmen.

Für Besitzer von Dieselautos der Abgasnormen Euro 4 und Euro 5 soll es «ein Tauschprogramm mit attraktiven Umstiegsprämien oder Rabatten» geben. (2. Oktober 2018) Bild: Keystone

Scheuer sagte, dass mit den Autobauern auch zu finanziellen Fragen aber noch Gespräche zu führen seien. BMW wolle keine Nachrüstungen, Daimler habe erklärt, sich dies überlegen zu können, wolle sich aber auf neue Prämien konzentrieren. Volkswagen sei bereit, wolle jedoch nicht die kompletten Kosten tragen. Dies hatte die Bundesregierung aber verlangt. Schulze betonte, die gesamte Regierung bis hin zu Kanzlerin Angela Merkel habe sich eindeutig gegenüber der Branche positioniert. Sie glaube, dass das Signal angekommen sei.

Hersteller gefordert

Volkswagen erklärte, man gehe davon aus, «dass die Bundesregierung sicherstellt, dass sich alle Hersteller an den entsprechenden Massnahmen beteiligen». Die Umsetzung hänge von Lösungen von Nachrüsterfirmen ab, die vorliegen, zugelassen und dauerhaft haltbar sein müssten. Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh begrüsste, dass ein einseitiger Weg mit pauschalen Hardware-Nachrüstungen vom Tisch sei. «Das ist eine gute Nachricht für die Sicherheit unserer Arbeitsplätze.» BMW teilte mit, Nachrüstungen dauerten zu lange. Sie könnten Gewicht, Leistung, Verbrauch und CO2 verschlechtern.

Der Autofahrerclub ADAC forderte, die Hersteller müssten nun liefern. «Erst wenn deren Angebote verbindlich auf dem Tisch liegen, wissen die Verbraucher, was die Beschlüsse der Koalition wert sind.» Der Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Klaus Müller, sagte, leider blieben wichtige Fragen offen. Ein Paket aus technischen Nachrüstungen und Rabatten könne sinnvoll sein. «Aber wenn die Autohersteller nicht mitziehen, haben Verbraucher nichts gewonnen.» Der Chef der Deutschen Umwelthilfe, Jürgen Resch, sagte, es sei ein «Mäuschen» geboren worden. «Die Umtauschprämie ist ohne Effekt für die Luftreinhaltung, und die Nachrüstung ist ein frommer Wunsch.»

Greenpeace-Aktivisten protestieren vor dem deutschen Bundesverwaltungsgericht in Leipzig. (Archivbild, 27. Februar 2018) Bild: Fabrizio Bensch/Reuters

Hintergrund für die neuen Massnahmen ist zu schmutzige Luft in vielen deutschen Städten. Diesel-Abgase sind ein Hauptverursacher dafür. Daher drohen Fahrverbote für ältere Diesel. In Hamburg sind schon zwei Strassenabschnitte für sie gesperrt. In Stuttgart ist 2019 ein grossflächiges Einfahrverbot geplant. Kürzlich hatte ein Gericht auch Fahrverbote für die Innenstadt der Pendlermetropole Frankfurt am Main ab 2019 angeordnet. Die EU-Kommission macht ebenfalls Druck und will Deutschland per Klage beim Europäischen Gerichtshof zur Einhaltung der Grenzwerte zwingen, die schon seit 2010 verbindlich sind.

Um mögliche Fahrverbotszonen organisieren und kontrollieren zu können, will der Bund für besonders stark betroffene Städte einheitliche Rechtsregeln schaffen. Eine besondere Kennzeichnung etwa mit einer blauen Plakette sei dafür nicht erforderlich.

Dieselpaket könnte Autobauer 12 Milliarden Euro kosten

Umtauschprämien und Umrüstungen älterer Dieselautos könnten die deutschen Autohersteller nach ersten Schätzungen einen zweistelligen Milliardenbetrag kosten. Der Branchenexperte Stefan Bratzel rechnete am Dienstag mit etwa 2,5 Millionen Fahrzeugen, die umgetauscht und nachgerüstet werden können.

Bei Aufwendungen zwischen 2500 und 5000 Euro pro Fahrzeug summierten sich die Kosten für die Autobauer damit auf 6 bis 12,5 Milliarden Euro. Allerdings profitierten sie teilweise auch vom Neuverkauf von Fahrzeugen.

Wenn der Wertverlust der alten Diesel bei der Inzahlungnahme zusätzlich ausgeglichen werde, «ist von einer hohen Nachfrage der berechtigten Teilnehmer in den Regionen auszugehen», betonte Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Wenn umgerüstete Fahrzeuge mit gesenktem Stickoxid-Ausstoss von Fahrverboten ausgenommen würden, könnte sich das positiv auf Restwerte und auf Umrüstquoten auswirken. Bei Nachrüstungen komme es aber darauf an, für wie viele Modelle sie technisch möglich seien, ob die Autohersteller dafür zahlten und wer für mögliche Folgeschäden hafte. Zudem sei «bei der Umsetzung mit einem Zeitverzug von mindestens einem Jahr zu rechnen».

oli/sda