2019-09-16 16:32

Schulreise aufs Land

Soundcheck

Das Hip-Hop-Kollektiv Chlyklass spielte im Old Capitol in Langenthal. Und einen Abend lang rückte ganz Bern näher zusammen.

Chlyklass, hier Greis am Mikrofon, ist tonangebend.

Chlyklass, hier Greis am Mikrofon, ist tonangebend.

(Bild: Giannis Mavris)

  • Giannis Mavris

    Giannis Mavris

Man muss es sagen: Kommt Chlyklass, kann eigentlich nicht viel falsch laufen. Seit zwanzig Jahren schon rappt sich die Combo durch das Land und macht gefühlt die Hälfte der Schweizer Rap-Szene aus – zumindest im Auge des Berner Lokalpatrioten.

Mit über dreissig Veröffentlichungen seit Ende der 1990er-Jahre haben die Einzelteile Wurzel 5, PVP, Baze und DJ Skoob in wechselnden Formationen den hiesigen Hip-Hop mitgeformt. Und dank unzähliger Solo­projekte und Kollaborationen ihre Finger darüber hinaus in die gesamte Musiklandschaft rausgestreckt.

Kommt also Chlyklass, dann kommen auch die Hits – und diese werden in Langenthal genauso laut mitgesungen wie in der Hauptstadt. Viele Songs sind mittlerweile identitäts­stiftendes Kulturgut, aufge­gangen in der Berner DNA und tausendfach in Hallen, Stadien und Bars mitgesungen – Hip-Hop ist eben trotz seiner internationalen Ausstrahlung schon von jeher lokal ausgerichtet.

Und wenn es heisst «Häng id Luft» für «Bärn City» und tatsächlich alle folgen, dann hat man das Gefühl, dass Langenthal und Bern an diesem Samstagabend im Old Capitol etwas näher zusammengerückt sind. Der Andrang auf der Bühne ist teilweise gross, die einzelnen Rapper kommen, gehen, lösen sich ab.

Spielwitz und Spielfreude herrschen, die Atmosphäre ist heiss und stickig, wie es sich für ein gutes Konzert gehört. Man erscheint jedoch nicht vollzählig, drei Chly­klässler schwänzen den Ausflug aufs Land.

Dass dies für den Auftritt nicht weiter ins Gewicht fiel, spricht für die Qua­lität der Combo, die sich trotz Legendenstatus gern auch selber auf die Schippe nimmt: «Offesichtlech de Zytpunkt zum Höre verpasst» rappen sie gleich im ersten Song «Auti truurigi Männer», in dem sie mit einem Maximum an Selbstironie das Älterwerden als Band kommentieren.

Das zahlreich anwesende Publikum in Langenthal ist offenbar froh um den ver­passten Zeitpunkt, die lange Durststrecke seit der letzten gemeinsamen Veröffentlichung (2015) hat man jedenfalls überstanden. Für Februar ist eine neue Platte angekündigt, von der es an diesem Abend jedoch keine Kostproben gibt.

Auch egal, wer so viel Selbstvertrauen ausstrahlt und über ein solches Repertoire verfügt, hat nicht viel zu befürchten – und so führt Chlyklass mit ihren Klassikern gelassen und souverän durch den Abend.

Übrigens dürfen beim Ausflug auch Junge mitkommen: LeRou, Repräsentant der nachkommenden Generation Berner Rapper, eröffnet den Abend. Und macht durch zahlreiche Ehrbekundungen klar, dass seine Vorbilder von Chlyklass in ihrer zwanzigjährigen Schaffenszeit wichtige Wegbereiter für die ganze Szene gewesen sind.

Der 23-jährige hat eine massive Bühnenpräsenz, was nicht nur an der beeindruckenden Körperfülle liegt, sondern vor allem an seiner technisch versierten Mischung aus Gangster- und Conscious-Rap. Er stehe dank der Musik von Chlyklass auf der Bühne, sagt LeRou, und man versteht, dass diese «alten traurigen Männer» noch eine Weile den Berner Hip-Hop-Olymp dominieren werden.

Für die Rubrik Soundcheck sind wir in der regionalen Musikszene unterwegs.
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