2019-06-25 09:25

Trump, der Zombie und der TV-Moderator

Der US-Präsident schwankt gegenüber dem Iran. Sein aggressiver Berater John Bolton muss zurückstecken – einen anderen Einflüsterer freut das.

Donald Trump über seinen Sicherheitsberater (r.): «John Bolton ist absolut ein Falke.» Foto: Oliver Contreras (Getty Images)

Donald Trump über seinen Sicherheitsberater (r.): «John Bolton ist absolut ein Falke.» Foto: Oliver Contreras (Getty Images)

Wenn es um den Iran geht, hat Donald Trump derzeit zwei ganz unterschiedliche Ratgeber. Der eine arbeitet in jenem Eckbüro des Weissen Hauses, das einst Henry Kissinger gehörte. John Bolton hat als Nationaler Sicherheitsberater des Präsidenten die Aufgabe, die Aussen- und Sicherheitspolitik der Regierung zu koordinieren. Er steht für die Kräfte, die sich ein möglichst hartes, gerne auch militärisches Vorgehen gegen Teheran wünschen – und dies Trump bei jeder Gelegenheit mitteilen.

Der andere Ratgeber hat kein politisches Amt, sondern eine Fernsehsendung. Tucker Carlsons Show läuft jeden Abend um 20 Uhr auf Fox News, Trumps Lieblingskanal. Darüber hinaus spricht er den Präsidenten auch immer mal wieder am Telefon. Seine Botschaft: Trump müsse einen Krieg gegen den Iran um jeden Preis vermeiden.

Zum Militärschlag gedrängt

Mit seinem Beschluss vom vergangenen Donnerstag, einen Militärschlag gegen iranische Einrichtungen in letzter Minute wieder abzusagen, hat Trump gezeigt, welcher dieser beiden Strömungen er eher zuneigt. «Diese Leute wollen uns in einen Krieg treiben, und es ist widerlich», sagte Trump laut dem «Wall Street Journal» am Wochenende zu Vertrauten. Wen er mit «diesen Leuten» meinte, machte er dabei an anderer Stelle deutlich. «John Bolton ist absolut ein Falke», sagte Trump in einem Interview mit NBC. «Wenn es nach ihm ginge, würde er gegen die ganze Welt ziehen.» Das spiele aber keine Rolle, so Trump weiter, weil er sich schliesslich verschiedene Meinungen anhören wolle.

John Bolton, grauer Scheitel, weisser Walrossschnauzer, ist der Verlierer der letzten Tage. Seine aggressive Haltung gegenüber dem Iran ist gut belegt. Er spricht sich schon seit langem für einen Regimewechsel in Teheran aus. Er bestärkte Trump in dessen Wunsch, aus dem Atomabkommen mit dem Land auszusteigen, das er für Barack Obamas Waterloo hält. Er ist, gemeinsam mit Aussenminister Mike Pompeo, der Architekt der scharfen Sanktionspolitik, die die USA gegenüber dem Iran eingeschlagen haben. Bolton war es auch, der im Mai die Entsendung eines Flugzeugträgers in die Region ankündigte und dabei warnte, dass die USA auf jeden Angriff «mit unerbittlicher Kraft» reagieren würden. Als der Iran dann vergangene Woche eine US-Drohne abschoss, nutzte Bolton den ­Moment, um Trump zu einer militärischen Reaktion zu drängen – und viele in Washington glaubten, dass es ihm gelingen würde.

In einer langen Tirade bezeichnete der Moderator Bolton als eine Art neokonservativem Zombie, als «Parasiten».

Das hat mit Boltons Vorgeschichte zu tun. Der 70-Jährige hat grosse Regierungserfahrung, er weiss, wie der gewaltige sicherheitspolitische Apparat der USA funktioniert und wie er sich lenken lässt. In seiner Zeit unter Präsident George W. Bush gehörte Bolton, damals noch Staatssekretär für Rüstungskontrolle, zu den prominentesten Fürsprechern des Irakkriegs von 2003. In weiten Kreisen galt Bolton deshalb als diskreditiert, als politisch tot. Doch indem Trump ihn zurück ins Weisse Haus holte und ihn auf den Posten des Sicherheitsberaters berief, erweckte er ihn wieder zum Leben.

Die Theorie, dass sich die Geschichte des Irak-Feldzugs mit Bolton wiederholen würde, hatte allerdings immer einen Haken: Trump ist nicht Bush. Sein In­stinkt, keine militärischen Abenteuer mehr einzugehen, ist ebenfalls gut belegt, es war eines seiner zentralen Wahlversprechen, mit dem er ein verbreitetes Unbehagen in der amerikanischen Bevölkerung aufnahm.

Sein Wort in des Präsidenten Ohr: Fox-Moderator Tucker Carlson. Foto: Reuters

Der Mann, der den Präsidenten in den vergangenen Tagen eindringlich daran erinnerte, ist Tucker Carlson, einer der Lieblingsmoderatoren des Präsidenten. Am Telefon soll er Trump laut «New York Times» gesagt haben, er könne seine Wiederwahl im Fall eines neuen Kriegs vergessen. Seit dem 11. September 2001 sei jeder amerikanische Krieg in einem Desaster geendet, sagte der Moderator in seiner Livesendung am Donnerstagabend, während Trump mit seiner Entscheidung rang. Trump tue das Richtige, indem er den Rat jener ignoriere, die ihn zum Angriff überreden wollten.

Am Freitag legte er nach: In einer langen Tirade bezeichnete er Bolton als eine Art neokonservativem Zombie, als «Parasiten», der trotz seiner vielen Fehler «für immer in den Eingeweiden des Regierungsapparats fortlebt, um ab und zu aufzutauchen und Schmerz und Leid zu erzeugen».

Widersprüchliche Signale

Was solche Töne für Boltons langfristigen Stand bei Trump bedeuten, ist nicht klar. In Bezug auf den Iran-Konflikt sendete der Präsident am Montag jedenfalls einmal mehr widersprüchliche Signale. Bevor seine Regierung eine neue Runde von Sanktionen gegen den Iran verhängte – die diesmal primär gegen das geistliche Oberhaupt Ayatollah Ali Khamenei gerichtet waren –, legte Trump bei Twitter nahe, dass er die US-Präsenz in der Strasse von Hormuz am liebsten reduzieren würde. China, Japan und viele andere Staaten würden einen Grossteil ihres Öls auf diesem Weg beziehen, während die USA als weltgrösster Ölproduzent darauf nicht mehr angewiesen seien. «Wir brauchen gar nicht mehr dort zu sein», schrieb Trump. «Warum beschützen wir seit vielen Jahren die Schiffsrouten für andere Länder ohne jegliche Entschädigung?»

Das klang dann eher wieder so, als würde der Präsident eine Begründung vorbereiten, warum die USA nicht auf jeden Zwischenfall vor der iranischen Küste reagieren müssten. Es wäre ganz in Carlsons Sinn.