2018-12-17 08:42

«Krieg am Thuner Bahnhof»

Thun

Die Ausschreitungen von Fussball-Hooligans am Thuner Bahnhof forderten mehrere Verletzte, darunter fünf Polizisten. Ein STI-Chauffeur musste sich fluchtartig retten und bezeichnet die Vorfälle als «Krieg am Thuner Bahnhof».

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  • Marc Imboden

Am Samstagabend um 19 Uhr wurde das Spiel FC Thun gegen GC angepfiffen. Bereits während des Spiels wurden vereinzelt Feuerwerk und Pyros gezündet, wie die Kantonspolizei Bern in ihrer Medienmitteilung vom Sonntag ausführte. Das Spiel endete mit einem 1:0-Sieg der Gastgeber, was die Stimmung bei den GC-Anhänger angeheizt haben dürfte, da ihr Verein in dieser Saison ziemlich schlecht aussieht. «Wie ich in Gesprächen mit der Kantonspolizei erfahren habe, sind die GC-Anhänger bereits in einer aggressiven Grundstimmung angereist», sagte Thuns Sicherheitsvorsteher Peter Siegenthaler (SP) am Sonntag gegenüber dieser Zeitung.

Nach dem Fussballmatch versuchten Anhänger der Gästemannschaft die Personenlenkung beim Stadion zu durchbrechen, was jedoch nicht gelang, schildert die Polizei die weiteren Vorgänge. Sie konnten in der Folge zu den für sie vorgesehen Bussen gelenkt werden. «Nachdem die Busse mit den Fangruppierungen beim Bahnhof Thun eintrafen, suchten vermummte GC-Anhänger die Konfrontation mit FC Thun», schrieb die Kantonspolizei weiter.

«Am Bahnhof hielten sich GC-Anhänger auf, die das Spiel nicht besuchten, weil sie mit einem Stadionverbot belegt sind», führte Siegenthaler aus. «Sie suchten einen Gegner. Weil die Thun-Fans zu jenem Zeitpunkt noch im Stadion waren, trafen sie auf die sogenannten 36er, benannt nach der Thuner Postleitzahl.» Das sei eine Gruppe junger Männer aus dem Lerchenfeld, die meisten mit Migrationshintergrund und polizeilich bekannt. «Sie halten sich häufig in Bahnhofsnähe auf und wenn es hier Streit gibt, sind sie meistens auch dabei.»

Steine, Velos, Tische

Die Einsatzkräfte intervenierten umgehend und drängten die Personen in Richtung Perron, worauf sie durch diese mit diversen Gegenständen, darunter Schottersteinen, Fahrrädern und Tischen, angegriffen und beworfen wurden. Es gelang den Einsatzkräften schliesslich, die Gästefans auf die Perrons und in den Extrazug zu leiten. Dabei setzte die Polizei auch Tränengas ein.

Im Zuge der Ausschreitungen kam es zu massiven Sachbeschädigungen, unter anderem an zwei Bussen des öffentlichen Verkehrs, dem Bahnhofgebäude und an den umliegenden Gebäuden. Diverse Örtlichkeiten rund um den Bahnhof Thun mussten aus Sicherheitsgründen kurzzeitig für Passanten und den öffentlichen sowie privaten Verkehr gesperrt werden.

Gemäss aktuellem Kenntnisstand wurden im Rahmen der Ausschreitungen mehrere Personen verletzt, darunter fünf Polizisten. Anlässlich einer Schlägerei am Bahnhof Thun wurde zudem eine Person verletzt und musste ins Spital gebracht werden. Bei den Ausschreitungen entstand Sachschaden. Er dürfte sich nach ersten Schätzungen auf einen höheren fünfstelligen Betrag belaufen. Die Kantonspolizei hat Ermittlungen zu den Ereignissen aufgenommen. Gemäss Peter Siegenthaler sei mindestens eine Person festgenommen worden.

Flucht aus dem Bus

Ein Buschauffeur der STI (Namen der Redaktion bekannt) schilderte in einer E-Mail, wie er die Ausschreitungen erlebt hat. Seine Ausführungen tragen den Titel «Krieg am Thuner Bahnhof». Er stand mit seinen Kollegen bereits vor dem Spiel am Bahnhof bereit, um die Fussballfans ins Stadion zu transportieren. Als sie aus dem Zug ausgestiegen waren, hätten sie bereits Pyros und Rauchpetarden gezündet. «Danach mal rein in den Bus und alle Viedeoaugen zukleben, Mobiliar zertrümmern und brennende Zigaretten und Bierflaschen/-büchsen liegen lassen», beschreibt der Chauffeur das weitere Treiben der Chaoten.

Nachdem die Passagiere beim Stadion ausgestiegen waren und der Bus aufgeräumt war, warteten die STI-Fahrer beim Stadtion auf das Ende des Spiels, um die Zuschauer wieder zum Bahnhof zu bringen. «Das Prozedere von neuem, inklusive der mehrfachen Betätigung der Notschalter.» Im Bus hätten die Hooligans ihr weiteres Vorgehen besprochen. Als sie wieder draussen waren, griffen sie sich Velos, Verkehrsschilder und Bahnschotter und bewarfen alle und alles, das sich in ihrer Reichweite befand.

«Irgendwann flüchtete ich unter dem Steinhagel und berstenden Scheiben aus dem Bus. Etwas später beschimpften mich dann noch Thuner Passanten über die fehlenden Informationen auf dem Bahnhof wegen der fehlenden Busse der anderen Linie.» So weit die Schilderungen des STI-Chauffeurs. Doch wie geht es in dieser Angelegenheit nun weiter?

«Neues Level der Gewalt»

«Am Freitag traf ich mich zum Quartalsrapport mit der Kantonpolizei. Wir konnten feststellen, dass es punkto Fussballgewalt in den vergangenen Monaten recht gut gegangen ist», blickt Peter Siegenthaler zurück. «Was jetzt passiert ist, hat das Bild aber massiv getrübt. Wir haben hier ein neues Level der Gewalt erlebt, die auch gegen Unbeteiligte ausgeübt wurde.» Im Vorfeld habe es keine Anzeichen für den Gewaltexzess gegeben, führte Peter Siegenthaler weiter aus. Zwar hätten die GC-Fans schon öfters für negative Schlagzeilen gesorgt, doch bei den letzten Begegnungen mit dem FC Thun habe es nie Probleme gegeben.

Der Match vom Samstag galt deshalb nicht als Risikospiel, womit er ohne ausserordentliche Auflagen gestartet wurde. «Was danach aber passiert ist, verlangt nach einer klaren Antwort an die Adresse von GC.» Im Zusammenarbeit mit dem FC Thun werde man in den nächsten Tagen abklären, wie diese Antwort genau ausfallen werde. FC-Thun-Präsident Markus Lüthi habe eine uneingeschränkte Zusammenaabrbeit mit den Strafverfolgungsbehörden zugesichert (vgl. Kasten).

«Das Hooligan-Konkordat bietet uns verschiedene Möglichkeiten, auf die Vorfälle zu reagieren», sagte Peter Siegenthaler weiter. «Dazu gehören eine Transportverbot für Leute mit Stadionverboten, die Schliessung des Gästesektors und das Absagen von Spielen.»

Thuner Tagblatt