2016-12-12 12:55

Licht hilft gegen den Winterkoller

Eine Winter­depression ist nicht zu unterschätzen. Doch dagegen lasse sich einiges tun, sagt Ärztin und Psychotherapeutin Annkathrin Pöpel.

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  • Interview: Andreas Bättig

Frau Pöpel, bei manchen Menschen drückt der Winter bös auf die Stimmung. Warum ist das so?Annkathrin Pöpel: Das hat weniger mit der Laubverfärbung zu tun als vielmehr mit der Veränderung des Lichts. Die Lichtmenge wird weniger. Das bedeutet, dass über unsere Rezeptoren in den Augen weniger Licht aufgenommen wird. Das bemerken wir nicht mal bewusst.

Was passiert denn im Kopf?Es gibt einen Bereich im Gehirn, der für den Tag-und-Nacht-Rhythmus zuständig ist. Er ist der Dirigent und sozusagen der Taktgeber unseres Biorhythmus. Wenn das Licht fehlt, kann der Dirigent aus dem Takt kommen.

Und das bedeutet?Die Stimmung ist schlechter als normal. Wir sind weniger belastbar, haben weniger Energie, freuen uns weniger. Warum das so ist, ist noch immer eine Blackbox. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass insbesondere das Licht am Morgen für unsere Stimmung verantwortlich ist. Das kann aber wiederum variieren, ob man genetisch ein Morgen- oder ein Abendmensch ist. Für Morgenmenschen ist das Licht zwischen 5.30 und 7.30 Uhr wichtig. Sensible Morgentypen haben mehr Mühe, wenn am Morgen das Licht fehlt.

Was ist unter einer Winter­depression zu verstehen?Im Gegensatz zur «normalen» Depression ist die Winterdepression an das mangelnde Licht gekoppelt. Ansonsten sind die Symptome ähnlich: Man hat eine niedergedrückte Stimmung und ist antriebslos.

Gibt es Unterschiede zur «normalen» Depression?Ja. Bei einer «normalen» Depression leidet man meist zusätzlich an Appetitlosigkeit und schläft eher weniger. Bei einer Winterdepression dagegen haben viele einen richtigen Heisshunger auf Kohlenhydrate und schlafen sehr viel. Bei einer Winterdepression ist die Symptomatik typischerweise leicht bis mittelgradig ausgeprägt. Es gibt aber auch die Situation, dass zu einer «normalen» Depression eine saisonale Komponente dazukommt. Dann kann die Symptomatik durchaus auch schwer ausgeprägt sein.

Warum hat man Heisshunger auf Kohlenhydrate und ein vermehrtes Schlafbedürfnis?Das hört sich seltsam an, aber man spekuliert, dass dieser Hunger ein «Winterschlafüberbleibsel» darstellt.

Wann wird die Winterdepression zum echten Problem?Entscheidend ist, wie stark die Lebensführung beeinträchtigt ist. Etwa vier bis acht Prozent der Bevölkerung leiden an einem Winterblues, das ist eine leichtere Form der Störung. Die meisten von ihnen können ein ganz normales Leben führen.

Und die anderen?Man geht davon aus, dass etwa zwei Prozent der Bevölkerung an einer schwereren Winterdepression leiden. Diese Menschen sind in der Bewältigung der Anforderungen des täglichen Lebens deutlich beeinträchtigt. Man hat zum Beispiel grosse Mühe, alltägliche Dinge wie den Haushalt zu machen. Oder man ist vermehrt reizbar und niedergedrückt. Dann kann es problematisch werden. Frauen leiden übrigens viermal häufiger an saisonalen Depressionen als Männer, und auch Kinder können betroffen sein.

Wann sollte ein Arzt aufgesucht werden?Das ist nicht so einfach zu sagen. Die Menschen ertragen unterschiedlich viel. Aber wenn der Alltag nicht mehr zu bewältigen ist, dann ist eine Grenze überschritten. Die Spezialisten können dann schauen, ob es sich ­tatsächlich um eine Winterdepression handelt oder aber um etwas anderes wie zum Beispiel eine Schilddrüsenfunktionsstörung. Die kann nämlich auch für eine gedrückte Stimmung verantwortlich sein.

Sie haben das fehlende Licht ­erwähnt. Kann man da nach­helfen?Ja, eine Lichttherapie kann helfen. Dafür braucht es eine spezielle Lampe mit einer Lichtstärke von über 5000 Lux. Manche Lampen verfügen sogar über 10 000 Lux. Zum Vergleich: An einem schönen Sonnentag beträgt die Lichtintensität etwa 100 000 Lux. Wichtig ist, dass man sich direkt vor die Lampe mit einem Abstand von 0,5 bis 1 Meter hinsetzt.

Wie lange und wie oft soll diese «Lichtdusche» durchgeführt werden?Die Empfehlung lautet etwa dreissig Minuten am Morgen. Manche setzen sich aber auch zwei Stunden davor. Allgemein ist zu sagen, dass die Verordnung einer Lichttherapie durch einen Spezialisten erfolgen sollte. Vor Beginn einer solchen Therapie müssen unter anderem bestimmte Augen- und Hauterkrankungen ausgeschlossen werden.

Kommen neben Licht auch ­Medikamente zum Einsatz?Häufig reicht bei einem Winterblues die Lichttherapie als alleinige Behandlungsform aus. Genügt das nicht, kann mit Medikamenten und Psychotherapie eine zusätzliche Behandlung erfolgen.

Helfen pflanzliche Mittel?Ja, etwa Johanniskrautpräparate. Hier muss man nur das Interaktionsprofil mitbedenken. Johanniskraut kann zum Beispiel die Wirksamkeit der Antibabypille abschwächen.

Was beugt dem Winterblues vor?Einigen hilft es, vor dem Winter nochmals in den Süden zu fahren und Licht zu tanken. Ansonsten sind lange Spaziergänge draussen im Licht sicher gut.

Jetzt haben wir nur über die negativen Aspekte des Winterblues gesprochen. Aber wie bei der Musik: Ein Blues kann auch zum Reflektieren, zum Nachdenken anregen. Der Winter ist ja auch eine sehr besinnliche Jahreszeit.Wenn ein Mensch den Winterblues als etwas Bereicherndes und Sinnvolles in seinem Leben wahrnimmt, dann ist das doch gut. Dann soll er ihn mit vollen Zügen leben und muss den auch nicht «wegmachen» wollen. Wenn daraus ein Leidensdruck entsteht und man aus diesem Zustand rausmöchte, dann sollte man dagegen etwas unternehmen. Wenn hingegen die positiven Seiten überwiegen, hat das keinen Krankheitswert.

«Etwa vier bis acht Prozent der Bevölkerung leiden an einem Winterblues», erklärt Annkathrin Pöpel.
«Etwa vier bis acht Prozent der Bevölkerung leiden an einem Winterblues», erklärt Annkathrin Pöpel.