2015-03-02 13:00

Nach dem Geschwindigkeitsrausch

Im neuen Schweizer Spielfilmdrama «Driften» glänzt Max Hubacher («Der Verdingbub») in der vielschichtigen Rolle eines Rasers, der das Leben eines Kindes auf dem Gewissen hat.

Mit beeindruckender Präsenz spielt Max Hubacher in «Driften» einen Raser, der ein Kind überfahren hat.

Mit beeindruckender Präsenz spielt Max Hubacher in «Driften» einen Raser, der ein Kind überfahren hat.

(Bild: zvg)

  • Georges Wyrsch

Die Haftstrafe ist soeben abgesessen, doch die Schuldgefühle halten an: Der junge Robert (Max Hubacher) hat vor einigen Jahren im motorisierten Temporausch ein Kind überfahren. Weil es ihn nach Vergebung dürstet, sucht er die Nähe der Mutter seines Opfers (Sabine Timoteo), allerdings ohne ihr zu verraten, wer er ist. Vielleicht ist es das Allerdümmste, vielleicht aber auch das Klügste, was er in seiner Lage machen kann.

Dem Schweizer Autor und Regisseur Karim Patwa ist mit «Driften» in vielerlei Hinsicht ein unkonventioneller Film gelungen. Da ist nur schon die ambivalent angelegte Hauptfigur: Robert war – so scheint es – schon vor dem Unfall kein asozialer, übermütiger Verkehrsrowdy, wie man sich den Typus Raser gemeinhin vorstellt, sondern ein verletzlicher Teenager, der mit heruntergedrücktem Gaspedal vor den Problemen seines Lebens floh und dabei eine Sucht entwickelte, die sich fatal entladen sollte. Doch selbst diese hart gelernte Lektion schützt ihn anscheinend nicht vor einem potenziellen Rückfall, was dem Film zusätzliche Spannung verleiht.

Eine grosse Bereicherung

Dass man sich als Filmzuschauer mit einem Raser identifizieren soll, ist vom Publikum natürlich viel verlangt. Zudem nachvollziehen zu müssen, dass der Mann im Verlauf der Geschichte ausgerechnet die Zuneigung einer Person sucht, deren Leben er so gut wie zugrunde gerichtet hat, macht die Sache auch nicht einfacher: Das katastrophale Ende der Beziehung scheint unausweichlich, und es schmerzt oft, da hinzuschauen.

Dass man den Film letztlich aber nicht als Qual, sondern als eine grosse Bereicherung empfindet, liegt am Drehbuch, das dem Fatalismus des Plots manchmal erfrischend zuwiderläuft und auch mit vielen witzigen, charmanten Momenten aufwartet.

Highlight: Hauptdarsteller

Doch die unumstrittene Hauptattraktion des Films sind die beiden perfekten Hauptdarsteller: Sabine Timoteo verkörpert mit der gewohnten Intensität und Charakterstärke eine Frau, die ihr hartes Schicksal mit reichlich Lebenslust verarbeitet; und Max Hubacher meistert vier Jahre nach seiner Auszeichnung mit dem Schweizer Filmpreis für seine Rolle in «Der Verdingbub» erneut eine hochgradig komplexe Rolle mit seiner erstaunlichen Präsenz.

«Ich befürchtete nach dem ‹Verdingbuben›, dass ich jetzt nur noch für Opferrollen gecastet werde», sagt Max Hubacher im Gespräch mit dieser Zeitung. «Umso überraschter war ich, ein Jahr später eine Täterrolle angeboten zu bekommen, was seither übrigens nochmals geschehen ist. Meine engen Freunde finden ja eher, dass man mich als gut gelaunten Freund oder als charmanten Partymacher besetzen sollte. Aber anscheinend bin ich prädestiniert für schwerere Rollen.»

Ehrliche Gefühle

Hubacher, der zurzeit die Schauspielschule in Leipzig besucht, wirkt im Gespräch tatsächlich viel lockerer und gewitzter als die getriebenen und verschwiegenen Männer, die er bis jetzt auf der Leinwand verkörpert hat. Immerhin blitzt sein bislang noch unausgelotetes Talent für Komik an einigen Stellen von «Driften» auf. Und dennoch mag Hubacher diese wortkargen Figuren, die er spielt: «Es macht mir nichts aus, wenn ich wenig Dialog habe. Worte sind ja oft nur eine Maske, und ehrliche Gefühle kann man mit dem Ausdruck besser zeigen als mit der Sprache.» Er zumindest kann das, und zwar beeindruckend gut.

Info: Der Film läuft ab 5. März im Kino. Berner Vorpremiere: Dienstag, 20.30 Uhr, Kino Kunstmuseum, Bern. In Anwesenheit von Regisseur und Cast.

Berner Zeitung