2015-02-26 13:06

Ein Scharfschütze kassiert ab

«American Sniper» von Clint Eastwood mobilisierte in den USA die Massen, und Hauptdarsteller Bradley Cooper ist als patriotischer Scharfschütze eine Wucht. Schade bloss, dass der Film sein dramatisches Potenzial verschenkt.

Treffsicher: Hauptdarsteller Bradley Cooper war auch die treibende Kraft hinter dem Kriegsfilm «American Sniper» von Clint Eastwood.

Treffsicher: Hauptdarsteller Bradley Cooper war auch die treibende Kraft hinter dem Kriegsfilm «American Sniper» von Clint Eastwood.

(Bild: zvg)

Schon erstaunlich, dieser Bradley Cooper. Noch vor wenigen Jahren war der US-Schauspieler auf die Rolle des Schönlings abonniert und machte hauptsächlich in der Klamauktrilogie «The Hangover» von sich reden. Doch ehe man sichs versah, wandelte sich Cooper zum bravourösen Charakterdarsteller («Silver Linings Playbook»). Und jetzt, in «American Sniper» verkörpert der 40-Jährige nicht nur einen muskelbepackten Scharfschützen im Irakkrieg, wofür er zum dritten Mal in Folge eine Oscarnominierung erhielt.

Cooper ist auch treibende Kraft hinter dem Projekt. So hatte sich der Schauspieler frühzeitig die Buchrechte an «American Sniper» gesichert und amtet auch als Produzent des Films, der in den USA satte 320 Millionen Dollar in die Kinokassen spülte. Zum Vergleich: «American Sniper», der für sechs Oscars nominiert war (aber nur den Preis für den besten Tonschnitt erhielt), spielte unterm Strich mehr ein als alle andern sieben Oscaranwärter für den besten Film zusammen.

Wie nun aber Cooper diesen Chris Kyle spielt, der im Irakkrieg über 160 Feinde niedermähte und 2013 von einem Kriegsveteranen erschossen wurde, ist nichts weniger als ein Erlebnis. In seiner Figur finden Mut, Wucht und Dumpfheit zu einer unheiligen Allianz zusammen. Und wenn dieser Kyle heimkehrt aus dem Krieg und sein leerer Blick im Bierglas oder im ausgeschalteten Fernseher haften bleibt, friert es einen bis ins Mark. Nur: Das ganze Trauma bleibt ohne Nachhall, da der Rest des Films (Drehbuch: Jason Hall) mit zwischenmenschlicher Dramatik ebenso plump umgeht, wie die Hauptfigur wirkt.

Kapazität des Kriegsfilms

Mal leidet Kyle unter Bluthochdruck, mal kreuzt er auf dem Weg in den Irak seinen verstörten jüngeren Bruder, schliesslich muss Kyle selbst in psychologische Behandlung. Doch der Bluthochdruck spielt, kaum erwähnt, keine Rolle mehr, der anfangs so beschützenswerte Bruder taucht nie mehr auf, und nach zwei Minuten Arztvisite ist bei Kyle alles wieder in Butter. Kurz: Wie in diesem Film das Schiessen mit dem Leiden zusammenhängt, bleibt Nebensache. Was zählt, ist die Binsenweisheit «Krieg macht familienuntauglich».

Das ist insofern schade, als es sich bei Regisseur Clint Eastwood um eine Kapazität in Sachen Kriegsfilm handelt. Der 84-Jährige hat nach «Heartbreak Ridge» (1986) insbesondere mit dem amerikanisch-japanischen Doppelpack «Flags of Our Fathers» und «Letters from Iwo Jima» (2006) einen Meilenstein des Genres abgeliefert.

Scharfe Kritik an Eastwood

Von jener umfassenden Helden- und Mythendemontage ist in «American Sniper» wenig zu spüren. Trotzdem sorgte der aktuelle Film für heisse Debatten in den USA. Eastwood wurde vorgeworfen, einen «pathologischen Lügner und Massentöter» zum Helden zu stilisieren und ein republikanisches «War on Terror»-Manifest runterzubeten. Doch so einseitig ist «American Sniper» beileibe nicht, und wenn man sich die Einspielergebnisse anschaut, dürften sowohl patriotische wie auch liberale Kinogänger Gefallen an diesem Film gefunden haben.

Was man Eastwood ankreiden kann, ist denn auch etwas anderes. Die Filmzeitschrift «Cinema» schrieb über «American Sniper»: «Es ist, was es ist, ein unkritischer Kriegsfilm mit einer Heldenstory, die vergleichsweise wenig berührt.» Man könnte auch sagen: Gut gespielt, aber schlecht erzählt.

«American Sniper»: Der Film läuft ab Donnerstag im Kino.

Berner Zeitung