2015-11-20 08:51

Von den Vorwürfen blieb nichts übrig

Hat er einen Schikane­stopp hingelegt, oder wollte der Autofahrer bloss einen Zopf im Hofladen kaufen? Mit dieser Frage musste sich gestern das Regionalgericht Emmental-Oberaargau befassen.

An der <b>Schachenstrasse in Lyssach</b> traf die Polizei auf zwei beschädigte Autos.

An der Schachenstrasse in Lyssach traf die Polizei auf zwei beschädigte Autos.

  • Ursula Grütter

Automobilisten, die drängeln, riskant überholen oder andere mit Schikanestopps ausbremsen, handeln gesetzeswidrig. Erfährt die Polizei davon, wird der Fehlbare wegen grober Verkehrsregelverletzung angezeigt.

Dies war auch am 21.?August 2014 der Fall. Gegen 13 Uhr musste die Polizei samt Ambulanz wegen einer Auffahrtskollision ausrücken. Vor Ort, an der Schachenstrasse in Lyssach, trafen sie auf zwei leicht beschädigte Autos und einen Mann, der wegen Rückenschmerzen und Unwohlsein untersucht werden musste.

Einer, der damals der Polizei bereitwillig Auskunft gab, war ein Lastwagenchauffeur. Aus der Kabine seines abgestellten Transporters habe er gesehen, wie der Fahrer des vorderen Wagens eine Vollbremsung hingelegt habe, schilderte er den Ordnungs­hütern. Der hintere Autolenker wiederum habe den nötigen Abstand nicht eingehalten. Die Polizei handelte und erstattete gegen beide in den Unfall verwickelten Fahrer Strafan­zeige.

Mann wirkte nervös

Doch mit den Strafbefehlen der Staatsanwaltschaft war der Fall nicht abgeschlossen. Gestern verteidigte sich der vordere Fahrer, assistiert durch einen Anwalt, vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

Es war nicht der typische Autorowdy, der vor Einzelrichter Jürg Bähler sass. Der junge Mann in Anzug wirkte sichtlich nervös. Er habe doch nur schauen wollen, an welchen Tagen im Hofladen selbst gebackene Zöpfe verkauft würden, beteuerte er dem Richter. Der Fahrer hinter ihm habe zwar gedrängelt, doch davon habe er sich nicht beirren lassen. Von einem Schikanestopp könne keine Rede sein.

Dass der hintere Fahrer gedrängelt hat, ist erwiesen. Er stand zu seinem Fehlverhalten und akzeptierte den Strafbefehl. Doch welchen Wahrheitsgehalt hatte die Zopfgeschichte? Sie passte so gar nicht zu den Aussagen des Lastwagenchauffeurs. Kam hinzu, dass die Polizei in ihrem Bericht von einem «abrupten Stopp wegen eines Vögeli» schrieb. Das soll der Beschuldigte nach dem Unfall den Sanitätern gesagt haben.

Bähler versuchte mit der Befragung von vier Zeugen, Licht in den Dschungel der Widersprüche zu bringen. Die Aussagen der drei Sanitäter halfen jedoch nicht wirklich. Irgendeinmal sei schon etwas von einem Vögeli gesagt worden, sie wisse aber nicht mehr was, erklärte die Frau, und ihre beiden Kollegen konnten sich nicht mehr erinnern.

Für eine totale Irritation sorgte der vierte vorgeladene Zeuge, der Lastwagenchauffeur. Das, was ihm jetzt vorgelesen werde, habe er nie gesagt, liess er den Richter wissen. Die Polizei und auch die Staatsanwaltschaft hätten seine Aussagen falsch notiert. Der Zeuge: «Ich habe einzig ein starkes Bremsgeräusch eines Autos gehört.»

Mit diesem Widerruf seiner früheren Aussagen fiel die gesamte Beweislage gegen den Beschuldigten zusammen. Mehr noch: Aus dem Zeugen könnte allenfalls ein Beschuldigter werden. Bähler liess noch offen, ob er den Mann wegen Falschaussage zur Rechenschaft ziehen will.

Den Angeklagten sprach er vom Vorwurf der groben Verkehrsregelverletzung frei. Was bleibt, sind die Kosten. Der Staat wird 2167 Franken an Verfahrenskosten übernehmen müssen. Dazu kommen über 3000 Franken Honorarkosten für den Verteidiger.

Berner Zeitung