2017-02-14 05:59

Könizer Wohninitiative «findet schweizweit Beachtung»

Nach dem überraschenden Abstimmungserfolg in Köniz ist für die SP klar: Die Forderung nach preisgünstigen Wohnungen ist auch in anderen Agglogemeinden ein Thema.

Befürworter der Initative «Bezahlbar Wohnen in Köniz» posieren nach dem Abstimmungssieg in der Siedlung am Thomasweg: Leo Grunder, Tanja Bauer, Christoph Salzmann, Christian Roth, Ruedi Lüthi, Vanda Descombes und Katrin Sedlmayer (v.l.n.r.).

Befürworter der Initative «Bezahlbar Wohnen in Köniz» posieren nach dem Abstimmungssieg in der Siedlung am Thomasweg: Leo Grunder, Tanja Bauer, Christoph Salzmann, Christian Roth, Ruedi Lüthi, Vanda Descombes und Katrin Sedlmayer (v.l.n.r.).

(Bild: Raphael Moser)

  • Stephan Künzi

    Stephan Künzi

Macht der Erfolg der Wohninitiative light in Köniz nicht Lust auf mehr? Die Frage stellt sich nach dem Erfolg, den die Vorlage aus den Reihen der Linken am Wochenende hatte. 56,5 Prozent der Stimmenden sagten Ja zu einer Vorschrift, wonach Grossprojekte im städtischen Umfeld künftig 20 bis 40 Prozent der Wohnungen im preisgünstigen Seg­ment anbieten müssen.

Es war quasi die Nagelprobe für ein Begehren, das in der Stadt Bern schon vor drei Jahren noch viel mehr Zuspruch erfahren hatte. Dass es nun auch in Köniz derart deutlich angenommen wurde, hatte kaum jemand erwartet. Zumal der Vorort im Süden Berns in weiten Teilen nach wie vor sehr ländlich geprägt ist und entsprechend viele Hausbesitzer zählt: «Das Resultat aus Köniz findet schweizweit Beachtung», sagt deshalb Jürg Sollberger als Vertreter der Vereinigung Wohnbaugenossenschaften Schweiz.

Für Wohlen gilt dies ganz besonders. Immerhin hat die dor­tige SP plus vor zwei Wochen ebenfalls eine Wohninitiative eingereicht. Sie verlangt, dass bei Ein- und Umzonungen «in der Regel ein Drittel» der neuen Fläche dem gemeinnützigen Wohnbau vorbehalten sein soll.

Forderungen in Biel

Dass die Partei damit ein Risiko eingeht, weiss Präsident Martin Lachat sehr wohl. Immerhin steckt die Stadtberner Vorlage genau wegen dieser generellen Forderung noch immer beim Kanton fest. Die Hauseigentümer taxieren die Pflicht zum preisgünstigen Wohnbau als unzulässigen Eingriff ins private Eigentum und wollen die Sache juristisch geklärt haben.

Um weniger Angriffsfläche zu bieten, haben in Köniz der Gemeinderat und das Parlament die Initiative entschärft und eben als Lightvariante an die Urne gebracht. Mit dem Fokus auf den städtisch geprägten Grossprojekten – doch in Wohlen lässt sich Lachat darob nicht aus der Ruhe bringen. Die Initiative sei eingereicht, nun sei es am Gemeinderat, allenfalls einen Gegenvorschlag zu formulieren.

In Biel haben derweil die Behörden längst reagiert. Ziemlich genau zwei Jahre ist es her, dass ein Verbund aus Bieler Wohnbaugenossenschaften, Gewerkschaften und Mietern zwei Wohninitiativen eingereicht hat.

Inhaltlich gingen diese indes weniger weit. Sie verlangten zum einen, dass bis 2035 jede fünfte Wohnung auf Stadtgebiet einem gemeinnützigen Wohnbauträger gehört; heute ist es jede sechste. Zum andern soll die neue Siedlung auf dem stadteigenen Gurzelenareal so gebaut werden, dass mindestens auf der halben Fläche günstige Wohnungen stehen.

Der Gemeinderat nahm sich die Forderungen zu Herzen und arbeitete sie in ein Reglement ein. Und siehe da: Im vergangenen Sommer wurde die Vorlage im Stadtrat genehmigt. Die Initiativen waren erfüllt, die Abstimmung entfiel.

Auch Senioren betroffen

Genau so müsste es eigentlich gehen. Branchenkenner Sollberger jedenfalls plädiert für Lösungen, die auf die Gegebenheiten in der jeweiligen Gemeinde zugeschnitten sind. Köniz habe dies beispielhaft vorgemacht: Der «differenzierte Gegenvorschlag» von Gemeinderat und Parlament sei «sehr gut» ausgefallen, sagt er.

Für die kantonale SP-Zentrale ist das Thema derweil definitiv gesetzt. Das Ergebnis aus Köniz zeige, wie breit die steigenden Mieten beschäftigten, erklärt der geschäftsführende Parteisekretär David Stampfli. Auch in den Agglogemeinden spürten viele Leute, wie viel sie vom Lohn mittlerweile fürs Wohnen aufbringen müssten. «Die Sensibilität ist gross», stellt er fest – um umso kritischer anzufügen: Es sei «sehr fragwürdig», dass die kantonale Justiz-, Gemeinde- und Kirchendirektion auch drei Jahre nach der Abstimmung über die Stadtberner Initiative noch immer nicht entschieden habe.

Inwieweit die Gemeinden rund um Bern dem Beispiel Köniz tatsächlich folgen werden, bleibt im Moment noch offen. Verschiedene SP-Sektionen zeigten gestern auf Anfrage aber Interesse am Thema. Profitieren sollen übrigens nicht nur Familien, wie SP-Präsident Lachat in Wohlen noch anfügte. «Bei uns finden auch ältere Ehepaare, die nach dem Auszug der Kinder das Einfamilienhaus gegen eine Wohnung tauschen möchten, nur mit Mühe etwas Passendes.»

Berner Zeitung